18 Mai 2005

Große Fortschritte bei Biokunststoffen

Industrie erwartet nach interpack baldigen Durchbruch von Bioverpackungen im Markt - Rahmenbedingungen müssen weiter verbessert werden - Verband IBAW warnt vor missverständlich deklarierten Kunststoffverpackungen

Die Resonanz der 10.000 Fachbesucher der Sonderschau Innovationparc Bioplastics in Packaging auf der Weltleitmesse interpack 2005 stimmt die Biokunststoffbranche sehr zuversichtlich. “Wir erwarten, dass kompostierbare Biokunststoffverpackungen bald in ganz Europa die Supermarktregale erreichen werden”, freut sich Harald Kaeb, Vorstandsvorsitzender des Verbands IBAW, über die sehr hohe Ausstellerzufriedenheit nach Messeabschluss. “Das Interesse war überwältigend, und dafür gibt es gute Gründe”, so Kaeb weiter.

Die Preise für Erdöl und konventionelle Kunststoffe sowie die wachsende Erkenntnis, dass Innovationen wie Biokunststoffe enorme Chancen für die Wirtschaft und die Umwelt eröffnen, sind nach Ansicht der IBAW die Ursachen für das stark gestiegene Interesse. Auch habe sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Produkte zuletzt deutlich verbessert. Der Verband, ein internationaler Zusammenschluss von Herstellern, Verarbeitern und Anwendern von Biokunststoffen befragte Aussteller und Besucher hinsichtlich ihrer Einschätzung. “Solche Innovationen brauchen wir!”, damit beschrieb Staatssekretär Adamowitsch vom deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit die Meinung vieler Besucher treffend.

Die 23 Aussteller, darunter Polymerhersteller wie NatureWorks, Novamont oder Procter & Gamble, Folienhersteller wie Cedap, Innovia, Treofan oder Wentus, und Produzenten von Verpackungsformteilen wie Autobar, Huhtamaki, Plantic oder Sirap Gema waren vom Ansturm der Besucher überrascht. Vertriebschef Patrick Gerritsen vom Packmittelhändler natura kommentierte die Zahl und Qualität der Kontakte mit “weit über unserer Erwartung”. Das sahen alle Aussteller ähnlich.

FotoNach über 15 Jahren der Entwicklung haben Biokunststoffe, zu deren Herstellung in hohem Maße nachwachsende Rohstoffe anstelle von Erdöl genutzt werden, für bestimmte Anwendungszwecke die Marktreife erreicht. Auf der interpack wurden zahlreiche biologisch abbaubare Lebensmittelverpackungen gezeigt, teilweise wurden sie von den Ausstellern direkt aus Supermärkten wie A. Heijn (Niederlande) mitgebracht. Andere Anwendungsbeispiele waren ebenfalls zu sehen, darunter CDs, Gartenbau- und Werbeartikel oder Textilien.

Trotz fehlender förderlichen Rahmenbedingungen ist der Verbrauch an Biokunststoffen in Europa auf etwa 50.000 t gestiegen. Die IBAW hatte Politiker aus ganz Europa eingeladen, sich von den Fortschritten der Branche zu überzeugen. “Noch wird diese Innovation in der Politik zu oft übersehen” stellt Kaeb fest, der sich ähnliche Aufmerksamkeit und Rahmenbedingungen für die Branche wünscht, wie sie den erneuerbaren Energien zuteil wird.

Das dürfte sich bald ändern, nimmt man die Politik beim Wort. “Mit 10 kg gebrauchten Bioverpackungen fahre ich von der Messe Düsseldorf in meinen Heimatort nördlich von Hamburg”, erklärt CDU-Politiker Helmut Lamp, Mitglied des Deutschen Bundestags. Er schlägt vor, in Zukunft Bioenergie und -kraftstoffe aus Produktabfällen zu erzeugen, technisch sei dies möglich. “Nutzungskaskaden haben eine große Zukunft”, meint auch Antje Vogel-Sperl, chemiepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Die Wertschöpfung sei ungleich höher, wenn man nachwachsende Rohstoffe zuerst stofflich und gebrauchte Produkte anschließend energetisch nutzt. Das Ziel der Grünen, bis zum Jahr 2020 bis zu 25% nachwachsende Rohstoffe in der Chemie- und Kunststoffindustrie einzusetzen, sieht sie nicht zuletzt angesichts des gezeigten Leistungstands als erreichbar an.

Eine Politik “Weg vom Öl” eröffnet auch neue Chancen für die Landwirtschaft. Beim Messebesuch der Generalsekretäre Feiter und Born vom europäischen und deutschen Bauernverband machten beide deutlich, dass sie die Biokunststoffindustrie unterstützen werden.
Unterstützung ist auch nötig, vor allem während der beginnenden breiten Markteinführung. “Es ist noch ein langer Weg”, so Kaeb, Investitionen in Milliardenhöhe seien zu leisten, wenn das technische Potenzial ausgeschöpft werden soll.

“Bauen wir eine große Produktionsanlage, kostet das Hunderte von Millionen Euro” bestätigt Martina Wesselhöft von Procter & Gamble. Das Unternehmen stellte auf der interpack seinen biotechnologisch erzeugten Polyester vor. Etwa 10% der Anwendungsgebiete von Kunststoffen könnten die heutigen Biokunststofftypen abdecken, schätzt die IBAW, völlig neue Anwendungen eingeschlossen. Dazu müssten in Europa etwa fünf Millionen Tonnen Polymere bereit gestellt werden. Die gesamte Produktionskapazität von biobasierten Kunststoffen erreicht heute allerdings erst 300.000 Tonnen – weltweit. Das Potenzial zu realisieren werde dann gelingen, wenn förderliche Rahmenbedingungen die notwendigen Investitionen absichern. Ein erstes positives Beispiel ist die Deutsche Verpackungsverordnung, welche kompostierbare Kunststoffverpackungen zukünftig privilegiert. Die IBAW sieht ihre Branche auf gutem Weg, wenn auch noch zahlreiche Hürden zu nehmen sind.

Der Verband warnte auf der interpack vor dem Missbrauch von Begriffen. Bei Verpackungen aus Biokunststoffen werde in der Kommunikation oft auf die Kompostierbarkeit und biologische Abbaubarkeit abgestellt. “Leider sind diese Begriffe nicht geschützt”, führt Kaeb aus. Stern TV hatte auf der interpack den Verband aus aktuellem Anlass zu “abbaubaren” Tragetaschen aus dem Erdölkunststoff Polyethylen befragt, welche sich durch spezielle Zusätze angeblich rasch zersetzen. Die IBAW verweist darauf, dass in Europa die Norm EN 13432 bestimmt, ob eine Verpackung biologisch abbaubar und kompostierbar ist.

Während die Unternehmen der IBAW ihre Produkte nach Norm prüfen und zertifizieren lassen, sparen sich das die Hersteller von “abbaubaren” PE-Additiv Produkten. Aus gutem Grund, vermutet Kaeb, “Bisher hat keines dieser Produkte die Vorschriften der Norm erfüllt”. Die Hersteller nutzten dabei die mangelnde Kenntnis um Qualitätsvorgaben bei Anwendern. “Dieses fragwürdige Produktkonzept sucht das Fahrwasser der Innovation Biokunststoff”, kritisiert der Verbandssprecher.

GrafikDie IBAW fördert auch deshalb die freiwillige Verpflichtung der Industrie, ihre Produkte zu zertifizieren und mit dem “Keimling”, dem Kompostierbarkeitslabel, zu kennzeichnen. Im Januar erst hatte die EU Kommission diese Initiative der Industrie offiziell begrüßt. Biokunststoffe werden sich durchsetzen, weil das Konzept stimmt – davon ist die Branche mehr denn je überzeugt.

IBAW
Interessengemeinschaft Biologisch Abbaubare Werkstoffe e.V.
V.i.S.d.P.: Dr. Harald Kaeb, Vorstandsvorsitzender der IBAW
Marienstrasse 19/20
D-10117 Berlin (Germany)
Tel.: +49-(0)30-28482-350
Fax: +49-(0)30-28482-359
E-Mail: info@ibaw.org

(Vgl. Meldungen vom 2005-05-08 und 2005-04-20.)

Source: IBAW Interessengemeinschaft Biologisch Abbaubare Werkstoffe e.V. vom 2005-05-17. 

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