26 Oktober 2010

Forschungszentrum für Bioökonomie in Nordrhein-Westfalen gegründet

50 Institute werden im Bioeconomy Science Centre interdisziplinär zusammenarbeiten

Wie lange die Erdöl-Vorräte noch reichen, wird heiß diskutiert. Unstrittig ist, dass es Klimawandel und Bevölkerungsentwicklung künftig erforderlich machen, die globale Wirtschaft auf neue, nämlich biologische Füße zu stellen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) stellt dazu im November einen Fahrplan für eine deutsche Bioökonomie vor. Auch die Forschung reagiert. In einer bisher einmaligen Zusammenarbeit haben das Forschungszentrum Jülich, die Universitäten Bonn und Düsseldorf sowie die RWTH Aachen ein Zentrum für Bioökonomie gegründet. 50 Institute werden im “Bioeconomy Science Centre (BioSC)” interdisziplinär zusammenarbeiten, um bei Forschungsprojekten künftig unter einem Dach aufzutreten. Die Kompetenzen der einzelnen Standorte sollen sich ergänzen und technologische Ressourcen gemeinsam genutzt werden.

Es ist eine Premiere: Mit dem BioSC entsteht in Nordrhein-Westfalen ein Forschungszentrum, in dem rund 50 Einzelinstitute künftig unter einem Namen an der Bioökonomie der Zukunft arbeiten. “Wir sind die ersten in Europa, die sich dezidiert auf die Bioökonomie ausrichten”, sagt Annette Stettien, Sprecherin des Forschungszentrums Jülich, das als einer der vier Partner an dem BioSC beteiligt ist. Mit der erhöhten Konzentration an Kompetenz und technologischen Ressourcen könne man bei zukünftigen deutschen und europäischen Forschungsprojekten mit größerem Gewicht auftreten, so Stettien.

Aus Sicht der beteiligten Institute lohnt sich bei einem so diversen und umfassenden Feld wie der Bioökonomie, die von der Bereitstellung der pflanzlichen Ressourcen über deren enzymatischen Aufschluss bis hin zur biotechnologischen Feinkalibrierung der entstehenden Produkte schnell die bestehenden Disziplinen sprengt, ein breiter Ansatz besonders. “Wir werden zum Beispiel untersuchen, wie sich Wertschöpfungsketten effizient miteinander verknüpfen lassen, um nachhaltig Nahrungs- und Futtermittel, Roh- und Wertstoffe oder Bioenergie zu erzeugen,” sagt Ulrich Schurr, als Professor am Forschungszentrum Jülich Experte für den Stoffwechsel in Pflanzen und einer der vier Gründungsdirektoren des BioSC. Jeder der vier Partner bringt seine besonderen Stärken in das neue Zentrum mit ein: Das Forschungszentrum Jülich in der Pflanzenforschung und Biotechnologie, die genetische Sequenzierung in Düsseldorf, die Landwirtschaft in Bonn und die Verfahrenstechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen. Insgesamt sind 50 Institute beteiligt.

50 Institute arbeiten zusammen
Das wichtigste Element des BioSC ist die Arbeit in und zwischen den beteiligten wissenschaftlichen Arbeitsgruppen der einzelnen Institute. Die jeweiligen Expertisen werden auf der Basis einer gemeinsamen Strategie disziplinübergreifend zusammengeführt. So sollen zum Beispiel nicht nur neue Methoden, Prozesse und Produkte für eine biobasierte Wirtschaft entwickelt werden, auch die Akzeptanz bioökonomischer Vorhaben in der Gesellschaft soll gesteigert werden. Ergänzt wird das Konzept durch eine gemeinsame Graduiertenausbildung zur Bioökonomie, die Ingenieure mit Wirtschafts- und Naturwissenschaftlern zusammenführen soll.

Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler sollen dadurch zum Beispiel das nötige Hintergrundwissen in der Biologie erhalten und Biologen Verständnis für die Verfahren bei der Verarbeitung von Biomasse entwickeln können. Das Konzept baut auf den bestehenden Graduiertenschulen der Partner, die eine thematische Schnittmenge mit der Bioökonomie haben.

Getragen wird das Zentrum von den beteiligten vier Partnerinstitutionen. Die Arbeitsgruppen verbleiben an ihren jeweiligen Standorten. Gemeinsame Projekte werden von einem Direktorengremium beschlossen, in denen jeweils ein Vertreter aus Jülich, Düsseldorf, Aachen und Bonn vertreten ist. Das Direktorium, das sich zu regelmäßigen Sitzungen trifft, stimmt sich nicht nur bei der Ausrichtung des Zentrums, sondern auch bei anstehenden Berufungen ab. Die Mitarbeiter werden weiterhin von den Partnerinstitutionen bezahlt, allerdings werden die Erträge aus zukünftigen Förderprojekten dann innerhalb der BioSC- Arbeitsgruppen aufgeteilt. Schon bald sollen die ersten Projekte eingeworben werden. “Wir blicken mit Spannung auf die Vorstellung des Rahmenprogramms Bioökonomie der Bundesregierung”, sagt Sprecherin Stettien. Vor kurzem hatte der von der Bundesregierung eingesetzte Bioökonomierat ein erstes Gutachten vorgelegt (mehr…).

Die wissenschaftliche Arbeit ist im BioSC in vier Kernforschungsfelder unterteilt:

  • Im Schwerpunkt “Nachhaltige Pflanzliche Bioproduktion und Ressourcenschutz” werden agrarwissenschaftliche, biologische und ökologische Teildisziplinen gebündelt, um die nachhaltige Pflanzenproduktion zu steigern.
  • Im Schwerpunkt “Mikrobielle und molekulare Stoffumwandlung” geht es zum Beispiel um den Einsatz von Mikroorganismen und Enzymen zur Herstellung von Grund- und Fein-Chemikalien. Langfristig im Blick ist auch die Entwicklung der Synthetischen Biologie, die das Design von neuen Stoffwechselwegen und damit den biologischen Zugang zu neuen Produkten für die Bioökonomie ermöglichen soll.
  • Der Forschungsschwerpunkt “Verfahrenstechnik nachwachsender Rohstoffe” bildet den ingenieurwissenschaftlichen Kern des Bioeconomy Science Centers. Ziel, ist hier, die Apparate und Prozessmethoden für eine biobasierte stoffliche Wertschöpfungskette der nächsten Generation zu entwickeln. Die Bandbreite reicht vom Aufschluss der biologischen Ressourcen bis hin zu
    den Eigenschaften von Endprodukten wie neuartigen Treibstoffen oder Biokunststoffen.
  • Im Schwerpunkt “Ökonomie und gesellschaftliche Implikationen der Bioökonomie” geht es zum Beispiel um den Einfluss globaler und regionaler Entwicklungen auf die sozioökonomischen Rahmenbedingungen der Bioökonomie. Fragen der Nachhaltigkeit sollen hier genauso beantwortet werden wie die Meinung von Verbrauchern und deren Bedürfnisse.

Innerhalb der Forschungsschwerpunkte sollen bisher getrennte Disziplinen zusammengeführt werden. Die einzelnen Kompetenzen seien ja schon vorhanden, sagt Ulrich Schurr. Im neuen Zentrum allerdings werden sie erstmals gebündelt. “Wenn ein Aachener Ingenieur etwa ein neues Verfahren zur Verarbeitung von pflanzlicher Biomasse plant, können die Bonner Partner diese Biomasse nachhaltig anbauen, Düsseldorf und Jülich die Pflanzeneigenschaften optimieren und Ökonomen untersuchen, unter welchen Kriterien das Verfahren wirtschaftlich ist und welche gesellschaftlichen Aspekte berücksichtigt werden sollten.”

Internationale Zusammenarbeit strategisch ausbauen
Die einzelnen Forschungsschwerpunkte werden untereinander wiederum durch sogenannte Querschnittsfelder verknüpft. Das ist zum einen die Erstellung mathematischer Modelle von biologischen Systemen (Systems Engineering), die Bioinformatik, die vor der
Herausforderung der Verarbeitung immer größerer Datenströme steht, sowie die Strukturbiologie, die Informationen über den Aufbau und damit auch Werkzeuge zur Optimierung biologischer Moleküle liefern soll. Auch in technologischer Hinsicht soll es zu Synergien kommen. Von den Partnern gemeinsam genutzt werden können in Zukunft die bestehenden Einrichtungen zur genetischen Analyse, in der Quantifizierung und Selektion pflanzlicher Eigenschaften (Phänotypisierung), der Bioanalytik, der Boden- und
Grundwassercharakterisierung, dem Feldversuchswesen, der Verfahrenstechnik nachwachsender Rohstoffe und im Supercomputing.

Fest eingeplant ist die Zusammenarbeit mit Partnern aus der Wirtschaft. “Bereits jetzt zeigen zahlreiche mittelständische und global agierende Unternehmen Interesse”, sagt Stettien. Hier spiele die enge Vernetzung eine besonders vorteilhafte Rolle. “Unternehmen, die bereits mit einem Partner kooperieren, suchen innerhalb des BioSC nach weiteren möglichen Kontakten.” Und weil die Entwicklung einer Bioökonomie eine weltweite Herausforderung ist, die nur in internationaler Zusammenarbeit bewältigt werden kann, wird das BioSC Kooperationen mit akademischen und industriellen Partnern in Industrie- und Schwellenländern strategisch ausbauen.

Weitere Informationen

Source: biotechnologie.de, 2010-10-21.

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