15 Mai 2002

Flachs und Leinen: ein Interview von Manufactum mit Egon Heger von Holstein Flachs

Egon Heger leitet das Unternehmen Holstein Flachs GmbH in Mielsdorf nahe Bad Segeberg, das sich seit 1990 dem Flachsanbau und der Flachsverarbeitung verschrieben hat. Ursprünglich studierter Chemiker und Agrarwissenschaftler, ist er mittlerweile Generalist in Sachen Flachs und Leinen: Flachsfachmann aus Leidenschaft, Kaufmann aus Pflicht und manchmal auch Techniker aus Neigung: Die alte Schwinge in Gang zu halten, in der bei Holstein Flachs die Fasern aus den Flachsstengeln gelöst werden, ist für ihn und seine Mannschaft eine echte Herausforderung.

Die Holstein Flachs GmbH ist mit einer neuen Leinenkollektion im Katalog von Manufactum vertreten. Manufactum ist bekannt für höchste Ansprüche an Design, Produktqualität und –zuverlässigkeit. Der Anspruch von Holstein Flachs, ihre Produkte vom Anbau bis zum fertigen Produkt auf hoher Qualitätsstufe zu kontrollieren, trägt diesem Grundsatz Rechnung. Im neuen Katalog – Nachtrag Sommer 2002 wird auf zwei Katalogseiten hochwertige Bekleidung aus Geweben von Holstein Flachs und eine eigene Leinenjerseykollektion – unter dem Label “Holstein Flachs für Manufactum” – vorgestellt.

Wolfgang Thoeben von Manufactum hatte Gelegenheit, Herrn Heger persönlich zu seinem Lebensweg und dem Aufbau der Holstein Flachs GmbH zu befragen.

Manufactum: Herr Heger, wie verschlägt es einen Chemiker und Agraringenieur in den Flachs und in die Leinenproduktion?

E. Heger: Ende der siebziger Jahre bin ich bei dem wirklichen Pionier der Wiedereinführung von Flachs, einem echten »Überzeugungstäter«, erstmalig mit Flachs in Berührung gekommen, als ich auf dessen Betrieb als Treckerfahrer mein Aufbaustudium verdiente. Seitdem hat mich diese Kultur, eine kleine Insel in dem oft eintönigen Meer von Raps, Weizen und Gerste, begleitet: im Studium, bei der wissenschaftlichen Arbeit am Institut, als Anbauberater, Ernteorganisator und schließlich – halb zog es ihn, halb sank er hin – als Geschäftsführer einer Flachsschwinge. Und so wurde klar, daß es mit dem Flachs – anders als bei fast allen anderen Feldfrüchten – nach dem eigentlichen Wachstum erst richtig schwierig wird. Es genügt eben nicht, daß ein Feld im Juli gut zur Reife steht, auch Ernte, Aufbereitung und so fort wollen beherrscht sein und müssen gelingen. So ergab sich immer wieder neu die Notwendigkeit, auch die nächstfolgende Produktionsstufe zu erlernen. Und nun, nach rund 25 Jahren im Flachs, habe ich nicht mehr als an der Schale gekratzt. Es bleibt noch viel zu lernen und irgendwann vielleicht zu verstehen.

Manufactum: Wie muß man sich die Anfänge der Holstein Flachs GmbH vorstellen?

E. Heger: Die Holstein Flachs begann ihre Arbeit als marktferner Rohstoffproduzent in einem Hochkostenland: Der von regionalen Landwirten angebaute Flachs wurde geerntet und das Erntegut zu marktfähigen Fasern aufbereitet. Ebenso schnell wie schmerzhaft wurde allerdings klar, daß dies allein keine tragfähige Grundlage für eine dauerhafte Unternehmensentwicklung war. Der Schlüssel für das mittelfristige »Überleben« war die Entwicklung von marktfähigen Produkten aus bis dahin eher lästigen Abfällen: So wurden etwa die riesigen Mengen von Holzbestandteilen aus den Stengeln der Flachspflanze, die »Schäben«, zunächst lediglich auf die Felder gefahren, bevor man sie als hochwertige Pferdeeinstreu oder wichtigen Bestandteil von Blumenerde zu schätzen lernte.

Manufactum: Textilien sind nur ein Aspekt der Flachsverarbeitung und -verwendung. Der Rohstoff liefert noch eine ganze Reihe von Nebenprodukten. Können Sie uns Beispiele nennen?

E. Heger: Schon der botanische Namen für Flachs – linum usitatissimum, der überaus nützliche Lein – gibt einen ersten Hinweis, daß nicht nur die Faser, sondern auch die weiteren Teile der Flachspflanze verwendet werden können. Die Leinsamen sind ein begehrter Rohstoff für Tierfutter und die technische Industrie. Die Schutzschicht über alten Gemälden – der Firnis – besteht aus dem daraus gewonnenen, übrigens durchaus wohlschmeckenden Leinöl. Das holzartige Innere des Flachsstengels wurde als Brennmaterial verwendet, heute leistet es als Pferdeeinstreu oder in Blumenerde beste Dienste. Das Flachswachs, welches aus den in der Verarbeitung anfallenden Stäuben extrahiert werden kann, ist aufgrund seiner milden, aber anhaltenden antiseptischen Eigenschaften schon seit Hildegard von Bingen ein Bestandteil von Brandsalben.

Manufactum: Wieviel Lehrgeld zahlt man, wenn man eine fast völlig verschwundene Anbaukultur wiederbeleben will?

E. Heger: Man zahlt zuviel Lehrgeld! Immer! Wer nicht »in Schäben geboren« ist, d.h. wer sich nicht mit Flachs und Leinen qua Familientradition befassen muß, kann durchaus als unbelehrbar gelten. Dies, weil er schon am ersten Tag seiner Arbeit gegen alle modernen Managementgrundsätze verstoßen muß: Er arbeitet in einem Industriezweig, der in den letzten 15 Jahren nahezu 80% seiner Beschäftigten entlassen hat; er ist mit einer Produktion konfrontiert, die einen Lohnkostenanteil von mehr als 40% hat, und er verkauft ein schwieriges Produkt, das bei seinen Käufern eine besondere Neugier voraussetzt. In der Holstein Flachs GmbH versuchen wir, dem Wissensverlust über Flachs und Leinen entgegenzuwirken, indem wir zweimal die Woche eine Führung durch unsere Produktionsanlage anbieten – garniert mit vielen Informationen aus der Welt des Leinens. Alte Literatur gibt eine gute Vorstellung von der Passion, mit der Flachsanbau und Leinenproduktion schon seit jeher betrieben werden sowie von dem Qualitätsbewußtsein und dem Stolz, mit dem die Altvorderen den besten Flachs und das feinste Leinen ihr eigen nennen wollten. Es ist jedoch eine Art Quantensprung in der Anbau- und Erntetechnologie zu beobachten, welcher das alte Wissen in nur sehr engen Grenzen aktuell anwendbar hält. Umgekehrt war es aber auch ein großer Vorteil, daß wir in Schleswig Holstein das Thema Flachs in vielen Aspekten neu denken durften. So hat die wissenschaftliche Begleitung der Wiedereinführung des Flachsanbaues nun schon wieder vor fast 15 Jahren ein modernes Anbausystem entwickelt, von dem wir heute noch profitieren. Auch die Entwicklung der Textilfaser Flachs zu einer technischen Faser ist zum überwiegenden Teil in Deutschland vorangetrieben worden – von Menschen, die vielleicht auf einem Auge blind, sicher jedoch nicht betriebsblind waren und sind. Oder nehmen Sie den Einsatz von Schäben als Pferdeeinstreu: diese Idee ist in der Holstein Flachs vor 10 Jahren entwickelt worden. Heute wird ein Gutteil der gesamten westeuropäischen Produktion nach diesem Vorbild vermarktet: Ich erinnere mich noch sehr gut an die ungläubigen Gesichter der Grandseigneurs der Flachswelt, als ich die Idee erstmalig vorstellte.

Manufactum: Wieviele Jahre gehen ins Land, bis der erste, den eigenen, hohen Qualitätsansprüchen genügende Flachs geerntet werden kann? Wie arbeitet man angesichts von gewaltigen Marktschwankungen und der Gefahr von Mißernten oder schlechten Qualitäten?

E. Heger: Die Arbeit im Flachs gleicht einer milden Form des Wahnsinns. Man ist abhängig von der Gunst des Wetters, von den Ausschlägen des Marktes, von den Kapriolen der Mode, von den Launen der Agrarpolitik und, und, und…. Es hat etwa 5 Jahre gedauert, bis wir wirklich guten Flachs anbauen konnten, es hat zeitversetzt genau so lange gedauert, bis wir guten Flachs ernten konnten. Ähnliches gilt für die Fasergewinnung – ganz zu schweigen von den folgenden Produktionsstufen. In der Ernte und bei der Fasergewinnung arbeiten wir durchaus schnell und konzentriert; dennoch mußten wir die Kultur der Langsamkeit wiederentdecken, um unsweiterzuentwickeln: Zeit ist heute Luxus im wahrsten Sinne des Wortes. Gute Arbeit und gute Produkte brauchen jedoch viel Sorgfalt und Hingabe. Und damit auch Zeit. Flachs ist wie ein guter Cognac: Viele Brände aus verschiedenen Jahren werden zu einem stets gleich gut mundendem Cuvée vereinigt. So auch im Flachs; oft mischt man Fasern aus drei Erntejahren und von jeweils 2 oder 3 einzelnen Flachsfeldern in einem einzigen Garn, so daß dieses eine stets gleichbleibende hohe Qualität aufweist. Und wie bei Cognac gibt es auch bei Flachs keine computergesteuerte Meß- und Regeltechnik – die richtige Mischung obliegt der Erfahrung und dem Gefühl des Menschen.

Manufactum: Sie verfügen in Mielsdorf über die einzige aktive Flachsschwinge in Deutschland. Verarbeiten Sie dort ausschließlich eigenes Material?

E. Heger: Für textile Zwecke verarbeiten wir ausschließlich eigenes Material, das teilweise noch einige Jahre lagert, damit wir im Falle einer Mißernte nicht mit leeren Händen dastehen. Für nichttextile Zwecke wie zur Herstellung von Dämmstoffen oder von Reibbelägen kaufen wir auch fremde Fasern zu, um über die Mischung von verschiedenen Fasertypen ein stets gleichartiges Endprodukt zu erreichen.

Manufactum: Zum Konzept von Holstein Flachs gehört der biologische Anbau und die Weiterverarbeitung im Inland. Welche Strukturen (Leinenspinnereien, -webereien etc.) trifft man da überhaupt noch an in Deutschland?

E. Heger: Es gibt in Deutschland noch eine erstaunliche Vielfalt an kleinen Betrieben, die Leinen spinnen, weben, wirken, färben und nähen können. So finden sich in Deutschland zwei klassische Leinenspinnereien, etwa 20 spezialisierte Leinenweber und Leinenstricker sowie einige Färbereien. Glücklicherweise sind dies meist Unternehmen mit einer langen Tradition und mit der Passion, Qualität herzustellen. Wir haben uns im Verlauf der Jahre einige feste Partnerschaften auf den verschiedenen Produktionsstufen erarbeitet und gemeinsam Produkte entwickelt oder Herstellungsverfahren wiederentdeckt oft mit Augenzwinkern, da es eher sportlicher Ehrgeiz als betriebswirtschaftliches Kalkül ist, was die Beteiligten umtreibt.

Manufactum: Wie sehen Sie die Zukunft des Flachsanbaues in Deutschland?

E. Heger: Flachsanbau wird in Deutschland eine Nische bleiben; dies vor allem, weil die Investitionen für Ernte- und Aufbereitungsmaschinen je Flächeneinheit sehr hoch sind, wenn hochqualitative Fasern erzeugt werden sollen. Will man diese Kosten für Spezialtechnik vermeiden, so können trotz der guten klimatischen Eignung auch hier nur Fasern minderer Qualität erzeugt werden. Solche Fasern stehen jedoch z.B. aus Osteuropa zu solch niedrigen Preisen zur Verfügung, daß sich eine inländische Produktion nicht lohnt. Ganz anders als der Anbau stellt sich die Flachsverwendung dar: Im textilen Bereich werden in Deutschland jährlich etwa 16.000 t Leinen entsprechend einer Fläche von 20.000 ha und einem Wert von 0,8 Mrd Euro verkauft. Hinzu kommen im Automobilbau Fasermengen, die etwa 10.000 ha Anbaufläche entsprechen – Tendenz steigend. Zusammen entspricht dies immerhin einer Fläche von etwa 300 qkm und damit rund einem Drittel der westeuropäischen Anbaufläche bzw. 10 % der weltweiten Anbaufläche! Die Inlandsnachfrage wird also nur zu 1% von der Inlandsproduktion gedeckt. Nur wenn es gelingt, besonders hochwertige inländische Produkte nicht nur zu entwickeln, sondern auch dem Kunden die Qualitätsvorteile deutlich zu machen, sehe ich eine echte Perspektive für eine Ausweitung des inländischen Flachsanbaues.

Manufactum: Es hat ja mittlerweile Versuche gegeben (und es gibt sie noch), weitere nachwachsende Rohstoffe wie Hanf und Nessel neu zu etablieren. Wie stehen Sie dazu?

E. Heger: Zunächst wünsche ich allen, die sich mit der Wiedereinführung des Anbaues von Faserpflanzen befassen, viel Erfolg bei ihrer schwierigen Arbeit. Die Wiedereinführung des Flachsanbaues hatte und hat trotz zeitgemäßer Sorten, grundsätzlich funktionierender Ernte- und Aufbereitungsverfahren, verfügbarer Ernte- und Verarbeitungstechnik und einem etablierten Markt mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Diese Voraussetzungen müssen für Hanf teilweise und für Nessel erst vollständig geschaffen werden. Ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Problemen bei Produkten, die gegen billige Koppelprodukte eines anderen Marktes (Hanf/Flachs) oder gar gegen bessere Produkte naher Verwandter (Nessel/Ramie) konkurrieren müssen.

Besuch in Mielsdorf
Sollten Sie an einer Führung durch die Flachsschwinge in Mielsdorf (bei Bad Segeberg) interessiert sein, können Sie sich telefonisch unter der Nummer 04551/2042 anmelden; Führungen finden üblicherweise donnerstags und freitags um 15.00 Uhr statt. Weitere Informationen zu Flachs und Leinen finden Sie im Internet unter www.flachs.de und www.gesamtverband-leinen.de

© 2002 Manufactum

Source: Hausmitteilung der Manufactum vom 2002-05-15.

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