12 Juni 2008

Faserpflanzen aus ökologischem Anbau: Anbau – Verarbeitung – Markt

Tagungsband des Instituts für Biologisch-Dynamische Forschung

Heimische Faserpflanzen wie Flachs, Hanf und Nessel bieten bisher ungenutzte Potentiale für den ökologischen Anbau. Dies war das Credo der Fachtagung “Faserpflanzen aus ökologischem Anbau” im Juni 2007 in Kassel. Schwerpunkt der vom Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise e.V. ausgerichteten und vom Hessischen Umweltministerium (HMULV) geförderten Veranstaltung war die Analyse der notwendigen Voraussetzungen für eine Steigerung bei Erzeugung und Nachfrage der heimischen Faserpflanzen Flachs, Hanf und Nessel.

Neues_Bild.jpgWilhelm Dietzel, Hessischer Minister für Umwelt, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, betonte in seinem Grußwort die großen Anstrengungen des Landes Hessen im Bereich Nachwachsende Rohstoffe. So soll der Anteil an Bioenergie bis 2015 auf 15 Prozent steigen. Als positives Beispiel für die stoffliche Nutzung nannte Dietzel das Bio-Leinen-Projekt, an dem neben acht Bio-Landwirten auch das Institut für Biologisch-Dynamische Forschung und die Firma Hess Natur-Textilien beteiligt sind. In dem vom Land Hessen geförderten Projekt wurde von Anfang eine geschlossene Prozesskette vom Landwirt über die Verarbeitung bis zum Handel verwirklicht. Dies sei beispielhaft für zukünftige Modelle.”

Den Stand der Nutzung von Faserhanf in Deutschland und Europa stellte Michael Carus vom nova-Institut in Hürth vor. Hier liegen die Schwerpunkte in Verbundwerkstoffen für die Automobilindustrie und bei Dämmstoffen. Hanf muss sich dabei gegen eine starke Konkurrenz ausländischer Fasern wie Kokos und Sisal, aber auch gegen Nebenprodukte der Flachsverarbeitung durchsetzen. Ein weiteres Problem für die erfolgreiche Etablierung von Faserhanf als landwirtschaftliche Kultur ist das Ungleichgewicht in der Förderung gegenüber Energiepflanzen. Hier müsse die Politik handeln, um in Zukunft allen nachwachsenden Rohstoffen vergleichbare Voraussetzungen zu bieten.

Katharina Schaus (Institute for Marketecology IMO) stellte den neu eingeführten “Global Organic Textile Standard” vor, der für zertifizierte Textilien einen gestuften Mindestanteil ökologisch angebauter Fasern von 75 bis 95 Prozent vorschreibt. Damit sei in Zukunft ein hohes Qualitätsniveau gewährleistet, das dem Verbraucher die Sicherheit einer ökologischen Erzeugung bietet. Die beteiligten Organisationen erwarten darüber hinaus eine vereinfachte Zertifizierung sowie eine klare Kennzeichnung für die Kunden.

Egon Heger berichtete vom mehr als zehnjährigen ökologischen Flachsanbau in Schleswig-Holstein. Während die Anforderungen des Anbaus weitgehend gemeistert werden konnten, zeigte sich, dass eine Vermarktung, die sich an höchsten Qualitätsansprüchen orientiert, sehr problematisch ist. So lässt sich die hohe Qualität der Textilien teilweise nicht in höhere Preise umsetzen. Zur besseren Auslastung der Verarbeitungsanlagen musste auch konventioneller Flachs eingesetzt werden.

Eckart Grundmann vom Institut für Biologisch-Dynamische Forschung (IBDF) in Darmstadt berichtete von den Erfahrungen der ersten Anbaujahre im hessischen Bio-Leinen-Projekt. Durch verbesserte Saattechnik und Ernteverfahren konnte der Ertrag im zweiten Jahr um über 40% gesteigert werden. Dabei wurden gute bis sehr gute Faserqualitäten erzeugt. Die durch die Firma Hess Natur daraus hergestellten Hemden sind seit Frühjahr 2007 im Handel. Für die Zukunft ist eine Ausweitung des Anbaus auf über 40 Hektar geplant. Grundmann präsentierte frühere Versuche an verschiedenen Forschungseinrichtungen zum Anbau von Fasernesseln im ökologischen Anbau. Danach lassen sich durch den mehrjährigen Anbau sehr gute Faserqualitäten erzielen, die für den ökologischen Landbau besonders auch ökonomisch sehr interessant seien. Allerdings müssten noch Anbauverfahren für die Praxis entwickelt werden.

Über ein deutsch-niederländisches Projekt zum ökologischen Anbau von Faserhanf referierte Marcel Toonen von der Universität Wageningen. Neben anbautechnischen Fragen ging es besonders darum zu prüfen, welche Faserqualitäten hergestellt werden können. Dabei wird zum Faseraufschluss das Steam-Explosion-Verfahren angewendet, welches bei sehr geringem Energieeinsatz sehr gute Fasern hervorbringt. Mehrere große Textilunternehmen zeigten bereits Interesse, so dass die Errichtung einer industriellen Faserverarbeitungsanlage geplant sei und der Anbau auf 3.000 Hektar ausgedehnt werden solle.

Kai Nebel vom Institut für angewandte Forschung der Fachhochschule Reutlingen zeigte die Möglichkeiten des Faseraufschlusses für heimisch angebaute Faserpflanzen auf. Dabei unterstrich er besonders die Anforderungen an Faserqualitäten, die sich vom herkömmlichen Angebot absetzen. Nur hochwertige Produkte, die sich von anderen absetzen, liessen sich in Zukunft erfolgreich vermarkten. Voraussetzung für die Optimierung der Qualitätssicherung sei dabei die enge Zusammenarbeit von allen Prozessbeteiligten.

Rolf Heimann stellte Projekte der Firma Hess Natur-Textilien GmbH aus Butzbach vor, die besonders die Bedeutung der engen Zusammenarbeit von Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel unterstrichen. Seit einigen Jahren werde zum Beispiel die Wolle des Rhönschafes, die sonst eher Teppichqualität hat, durch spezielle Verarbeitungsverfahren in Bekleidungstextilien eingesetzt und sehr erfolgreich vermarktet. Jüngstes Beispiel ist das hessische Bio-Leinen-Projekt, welches zum Ziel hat, das gesamte Leinen-Angebot von Hess Natur mit heimischem Bio-Leinen aus ökologischem Anbau zu bedienen. Heimann sieht darin ein großes Potential für die Zukunft sowohl im Bereich Qualitätssicherung als auch in der Vermarktung.

In der Diskussion wurde die besondere Bedeutung der Zusammenarbeit aller Beteiligter an der Prozesskette betont. Nur so könnten Nachfrage und Angebot aufeinander abgestimmt und Qualitätsfragen frühzeitig geklärt werden. Durch neue Technologien in der Verarbeitung könnten hochwertige Produkte angeboten werden, die auf eine entsprechende Nachfrage treffen. Im Bereich des Anbaus wurde auf das Ungleichgewicht der Förderung von Nachwachsenden Rohstoffen im energetischen und im stofflichen Bereich hingewiesen und ein Umdenken in der Politik gefordert.

Tagungsband
Grundmann, Eckart, (Hrsg.) (2007) Tagungsband: Faserpflanzen aus ökologischem Anbau: Anbau – Verarbeitung – Markt, Kassel-Wilhelmshöhe, Deutschland, 19. Juni 2007. Schriftenreihe IBDF Nr. Band 20. Verlag Lebendige Erde, Darmstadt, ISBN 978-3-921536-69-8, 20€ + Versand.

Bezug
Verlag Lebenendige Erde
E-Mail: [email protected]
PDF-Dokument kostenlos in Datenbank Organic Eprints

(Vgl. Meldungen vom 2007-08-24 und 2005-12-21.)

Source: Organic Eprints, 2008-02.

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