5 Februar 2007

E85 in Deutschland – Ein Kraftstoff mit Zukunft

C.A.R.M.E.N., HeRo und die FNR organisierten Fachgespräch

“E85 in Deutschland” – Marktentwicklung und Perspektiven”, war der Titel des Fachgesprächs, dass am 30. Januar 2007 auf Initiative von C.A.R.M.E.N., der bayerischen Koordinierungsstelle für Nachwachsende Rohstoffe, in Kassel durchgeführt wurde.

Die Veranstaltung wurde gemeinsam von C.A.R.M.E.N., dem Kompetenzzentrum HessenRohstoffe (HeRo) und der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) organisiert. Ziel war es, einen Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Akteuren zu ermöglichen, die sich bereits für Ethanol als Kraftstoff engagieren bzw. dies für die Zukunft planen.

Vor fast 80 Teilnehmern stellte Ronny Winkelmann von der FNR die Rahmenbedingungen für Biokraftstoffe in Deutschland vor. Er ging auf die Gesetzgebung in Deutschland ein, wonach Bio-Ethanol in Form von E85 (einem Gemisch aus 85 Prozent Ethanol und 15 Prozent Benzin) bis 2015 von der Mineralölsteuer befreit ist.
Winkelmann stellte heraus, dass Biokraftstoffe in Deutschland ein hohes Potenzial haben, die zukünftige Wertschöpfung im ländlichem Raum aber in erster Linie von den politischen Rahmenbedingungen abhängt.

E85 – Schweden macht es vor
Über die erfolgreiche Marktetablierung von Ethanol in Schweden referierte Dr. Georg Wagener-Lohse von der Cebra GmbH. Schweden will bis 2020 unabhängig vom Erdöl sein. Heute bieten mehr als 400 Tankstellen eine gute Versorgung mit Ethanol an. Mit dem BEST-Projekt (BioEthanol for Sustainable Transport) sollen die Marktdurchdringung von Ethanolfahrzeugen gefördert und Nachahmer gefunden werden.

Knuth Kreissl berichtete über die Beweggründe für die Installation der ersten deutschen Ethanoltankstelle an seinem Ford-Autohaus in Bad Homburg vor gut einem Jahr. Von einem Landwirt auf diese Kraftstoffalternative aufmerksam gemacht, ist Kreissl inzwischen vom Ethanol überzeugt und konnte schon über 80 Ethanol-taugliche Fahrzeuge verkaufen.

41 dieser sogenannten FFV-Modelle wurden vom Regierungspräsidium Gießen als Dienstwagen angeschafft. Die Beweggründe für die vorbildliche Entscheidung zu Gunsten des Klimaschutzes stellte Karin Ohm-Winter vom Regierungspräsidium Gießen vor. Anhand wirtschaftlicher Berechnungen, in die neben der Jahreskilometerleistung Steuern, Versicherung und die Treibstoffvarianten Benzin, Diesel und E85 einbezogen wurden, konnte eine Entscheidung zu Gunsten von Ethanolfahrzeugen auch ökonomisch bestehen.

Obwohl der Preis für E85 derzeit höher ist als zum Kalkulationzeitpunkt, können die FFV-Fahrzeuge wirtschaftlich mit den konventionellen Varianten mithalten. “Die Autos machen Spaß” zitierte Ohm-Winter die Erfahrungen ihrer Kollegen und sie wünschte sich, dass weitere öffentliche Stellen diesem Beispiel folgen.

Als Projektleiter stellte Hubert Maierhofer von C.A.R.M.E.N. die Straubinger Bio-Ethanol-Initiative vor, die Ende 2005 gegründet wurde. Er konnte auf ein recht aktives Jahr zurückblicken, in dem der Kraftstoff und die FFV-Fahrzeuge auf zahlreichen Messen, in Vorträgen und gegenüber politischer Prominenz präsentiert wurden. Neben der Installation einer E85-Zapfsäule konnten bereits 13 FFV-Fahrzeuge im Rahmen der Initiative auf die Straßen gebracht werden. Als neues Projekt wird nun auch die Region Chiemgau-Inn-Salzach unter Leitung von C.A.R.M.E.N. den Aufbau eines E85-Tankstellennetzes und die Bekanntmachung von Ethanol-tauglichen Fahrzeugen vorantreiben.

Ethanolkraftstoff reichlich vorhanden
Dr. Marten Keil von der CropEnergies AG stellte klar, dass durch die Ethanolproduktion keinesfalls die Preise für Lebensmittel in die Höhe getrieben werden. Ernteausfälle seien hierfür verantwortlich zu machen. Weitere Produktionsanlagen in Deutschland, Belgien und Österreich sind vorgesehen und in der Lage einen wachsenden Markt zu bedienen.

Dass neben industriellen Produktionsanlagen auch bestehende landwirtschaftliche Brennereien Ethanol als Treibstoff produzieren und so ihre Wirtschaftlichkeit erhöhen können, stellte Prof. Christof Wetter von der Fachhochschule Münster anhand von Machbarkeitsstudien vor. Eine Marktfähigkeit ist hier bei vollständiger Ausschöpfung aller Optimierungspotenziale gegeben. Dazu gehören auch geschlossene Stoffkreisläufe, z. B. durch die Einbindung von Biogasanlagen und Strohheizungen.

Dr. Thomas Wilharm von der Analytik-Service Gesellschaft stellte die Qualitätssicherung von E85 vor. Dabei ging er auf die noch fehlende Normung ein, die insbesondere Sicherheit bei Schadensfragen gibt.

Die wasserrechtlichen Fragestellungen bei der Inbetriebnahme einer Ethanol-Zapfsäule erläuterte Peter Keilhofer vom Tüv Süd. Bei Tankstellenumrüstungen sind aufgrund der unterschiedlichen Gegebenheiten noch immer Einzelfallgutachten zu erstellen, diese werden aber zügig und anhand eines “roten Fadens” bearbeitet. So konnte das Genehmigungsverfahren schon deutlich vereinfacht werden. Wichtig sei, vor Projektbeginn das Gespräch mit allen Beteiligten und den Genehmigungsbehörden zu suchen, dies gewähre eine optimale Zusammenarbeit, so Keilhofer.

Politischer Rahmen für Planungssicherheit
Axel Graf Bülow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Freien Tankstellen (bft), schilderte aus der Sicht der nicht konzerngebundenen Tankstellenbetreiber die Einführung von E85 und das politische Umfeld der Biokraftstoffe. “Die Freien Tankstellen in Deutschland […] haben den Biokraftstoffen von Beginn an einen sehr hohen Stellenwert beigemessen. Sie betreiben mehr als 1.000 Zapfsäulen für Biodiesel und die […] Bioethanoltankstellen sind ebenfalls fast alle im bft organisiert”, so Bülow.

Ob dies so bleiben könne, stellte er in Frage, da die Erfahrungen mit Biodiesel, der durch die Mineralölsteuer im PKW-Bereich kaum noch nachgefragt wird, Tankstellenbetreiber von weiteren Investitionen in neue Biokraftstoffe zurückhalte, solange der politische Rahmen keine Planungssicherheit ermögliche.

Da es derzeit nur Ethanoltaugliche Neufahrzeuge von Ford und Saab auf dem deutschen Markt gibt, können Umrüstungen, z. B. mit dem System von Total Flex, eine Möglichkeit sein, vorhandene Fahrzeuge und Fuhrparks mit Ethanol zu betreiben. Hubert Northoff stellte diese Technik vor, die in ca. ein bis zwei Stunden eingebaut werden kann und über ein zusätzliches Motorsteuerungsgerät den Betrieb von Multipoint-Saugrohr-Motoren mit E85 in jedem beliebigen Mischungsverhältnis ermöglicht. Er sieht ein Marktpotenzial von 10 Mio. Fahrzeugen in Deutschland, ist seit November 2006 im Geschäft und hat bereits die ersten Umrüstsätze an Werkstätten verkauft.

(Vgl. Meldung vom 2007-01-30.)

Kontakt
C.A.R.M.E.N. e.V.
Hubert Maierhofer
Schulgasse 18
94315 Straubing
Tel.: 09421/960-300
Fax: 09421/960-333
E-Mail: hm@carmen-ev.de

Source: CARMEN e.V., 2007-02-05.

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