27 Oktober 2004

Diesel aus Biomasse – Firma Choren will in Lubmin neuartige Raffinerie errichten

Ab 2008 jährlich rund 225 Millionen Liter

Lubmin/Hamburg (ddp-nrd). – Auf dem Gelände des früheren Kernkraftwerks Lubmin bei Greifswald sollen künftig Holzabfälle, Stroh und Mais zu synthetischem Dieselkraftstoff verarbeitet werden. Dafür will die sächsische Firmengruppe Choren Industries in den nächsten drei Jahren die weltweit erste industrielle Raffinerie für so genannten Sundiesel errichten, wie Projektleiter Michael Deutmeyer am Freitag in Lubmin sagte. Das erforderliche Grundstück soll noch in diesem Jahr von der Energiewerke Nord GmbH (EWN) erworben werden.

In der Raffinerie sollen ab 2008 jährlich etwa 225 Millionen Liter des neuen Dieselkraftstoffs hergestellt werden. Zugleich entstehen in dem rund 400 Millionen Euro teueren Werk nach Choren-Angaben 150 neue Arbeitsplätze. Pro Jahr werde rund eine Million Tonnen Biomasse vergast, darunter neben Holzhäcksel von Baum- und Strauchschnitten auch Stroh und Mais, der im Umkreis von bis zu 50 Kilometern angebaut werden könnte, sagte Deutmeyer.

Im Gegensatz zum Biodiesel, der aus pflanzlichen Ölen zum Beispiel durch Veresterung von Rapsöl gewonnen wird, ist so genannter Sundiesel ein rein synthetischer Kraftstoff. Nach dem von Choren entwickelten und patentrechtlich geschützten Verfahren werden Waldrestholz, Stroh und Energiepflanzen wie Chinaschilf oder Mais in einem dreistufigen Prozess vergast. Das daraus gewonnene Rohgas kann durch Verbrennung energetisch genutzt oder als teerfreies Synthesegas zur Herstellung von Kraftstoffen, Methanol oder Paraffinen genutzt werden.

Im sächsischen Freiberg wird bereits seit einem Jahr eine erste Testanlage zur Herstellung von schwefelfreiem Sundiesel gebaut. Mit dem vom Bundeslandwirtschaftsministerium mit fünf Millionen Euro geförderten Prototyp soll ab 2006 die industrielle Herstellung von Sundiesel optimiert werden. Nach ersten Tests der am Projekt beteiligten Autohersteller Daimler-Chrysler und Volkswagen lassen sich mit Sundiesel die Schadstoffemissionen gegenüber fossilem Diesel um bis zu 90 Prozent verringern.

Mittelfristig will Choren für etwa zwei Milliarden Euro vier weitere Werke in Deutschland errichten. Um entsprechende Standorte sollen sich bereits mehrere Regionen beworben haben. Bis 2010 sollen in Deutschland bis zu einer Million Tonnen Sundiesel produziert werden.

Mehrheitsgesellschafter der Choren Industries GmbH ist der Hamburger Kaufmann Michael Saalfeld. Geplant ist die Gründung einer Lubminer Betreiberfirma mit dem Namen “Choren Fuel & Co. KG” mit Sitz in Schwerin. Zur Saalfeld Holding gehört auch die vor vier Jahren gegründete Projektentwicklungsgesellschaft Concord Power Lubmin GmbH & Co KG (CPL), die ab Frühjahr 2005 ebenfalls am Standort Lubmin ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 1.200 Megawatt bauen lassen will. Dafür soll eine Erdgaspipeline aus dem Berliner Raum nach Lubmin gebaut werden.

ddp-Interview mit Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe: Synthetische Kraftstoffe auf dem Vormarsch

Gülzow (ddp-nrd). Synthetische Kraftstoffe wie Sundiesel könnten nach Ansicht der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) in Gülzow mittelfristig 25 bis 30 Prozent des Kraftstoffverbrauchs in Deutschland abdecken. Schon bis Ende 2005 werde der Anteil der Biokraftstoffe am europäischen Kraftstoffverbrauch auf 2 Prozent und bis 2010 auf 5,75 Prozent steigen, sagte Torsten Gabriel von der in Mecklenburg ansässigen Bundesagentur in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp.

Zu den aussichtsreichsten Kraftstoffen gehörten die so genannten BTL-Kraftstoffe (Biomass-To-Liquid), die im Unterschied zum Biodiesel aus einer breiten Materialpalette wie Holz, Energiepflanzen und Abfallprodukten der Forst- und Landwirtschaft gewonnen werden. Allein in Deutschland stünden etwa 4,4 Millionen Hektar zum Anbau von Energiepflanzen zur Verfügung, sagte Gabriel. Zudem zeichneten sich synthetische Kraftstoffe durch ihre anpassbaren Zusammensetzungen als ideale Motorkraftstoffe mit schadstoffarmen Abgasen aus.

Neben der sächsischen Choren-Gruppe arbeiteten derzeit auch die niedersächsische Firma Cutec und die Universität Freiberg an der Entwicklung eigener BTL-Kraftstoffe, sagte der Spezialist (vgl. Meldungen vom 2003-07-18 und 2003-01-14). Die Agentur rechne damit, dass Sundiesel und Co. in etwa zehn Jahren marktfähig sind. Noch ungelöst seien jedoch Lieferprobleme für die neuen Raffinerien, da die Energiepflanzen nur saisonal verfügbar seien, die Anlagen jedoch ganzjährig laufen müssten (vgl. Meldung vom 2004-10-26). Damit soll sich Anfang November auch eine internationale Fachtagung in Wolfsburg befassen.

ddp-Interview mit VW-Experte: Erfolgreiche Tests mit neuem Sundiesel

Wolfsburg (ddp-nrd). Der aus Biomasse gewonnene Sundiesel hat im Wolfsburger Volkswagen-Konzern erste Tests erfolgreich bestanden. “Versuche mit diversen Motoren ergaben, dass mit dem neuartigen Kraftstoff die Schadstoffemissionen der ab 2006 geltenden Euro-4-Norm eingehalten werden”, sagte der Leiter des VW-Forschungsbereichs Energieumwandlung, Wolfgang Steiger, der Nachrichtenagentur ddp. Der synthetische Kraftstoff müsse daher schnellstmöglich in den Markt eingeführt werden.

Steigers Angaben zufolge enthalten die Abgase im Vergleich zu herkömmlichen Dieselkraftstoffen 30 Prozent weniger Rußpartikel, 2 bis 8 Prozent weniger Stickoxide sowie 60 bis 80 Prozent weniger Kohlenwasserstoffe und Kohlenmonoxid. Wenn die Pilotanlage in Freiberg wie vorgesehen ab 2006 genügend Sundiesel liefere, würden deshalb sowohl Volkswagen als Daimler-Chrysler alle neuen Fahrzeuge mit dem neuen Sprit als Erstbefüllung ausliefern. (Vgl. Meldung vom 2004-09-24.)

Die Homogenität des synthetisch hergestellten Kraftstoffes ermögliche zugleich die Entwicklung verbrennungsoptimierter Motoren, sagte Steiger. Der bei Volkswagen auf dem Prüfstand befindliche CCS-Motor (Combined Combustion System) zum Beispiel werde vollkommen schadstofffrei sein und damit den nach 2015 erwarteten Umweltstandards entsprechen.

Der Volkswagen-Konzern koordiniere derzeit das EU-Projekt RENEW, bei dem mehrere Herstellverfahren von synthetischen Kraftstoffen über Jahre untersucht würden, sagte Steiger. Mit Herstellungskosten von derzeit etwa 50 Cent pro Liter sei der Designer-Kraftstoff zwar noch vergleichsweise teuer. Das werde sich aber mit der weiteren Verteuerung von Rohöl und den steigenden Umweltanforderungen relativieren.

(Vgl. Meldung vom 2004-07-09.)

Source: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der ddp Nachrichtenagentur GmbH vom 2004-10-22.

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