23 April 2019

Die Cannabis-Anbauer in Deutschland stehen fest – vorerst

Zwei kanadische Firmen und ein deutsches Start-up bekommen den Zuschlag für den medizinischem Cannabisanbau. Noch ist die Entscheidung nicht endgültig

Die Zuschläge für den Anbau von medizinischem Cannabis in Deutschland sind erteilt: Die Deutschland-Töchter der kanadischen Firmen Aphria und Aurora sowie das 2017 gegründete Berliner Unternehmen Demecan erhalten die Zuschläge für die insgesamt 13 Lose. Das erfuhr das Handelsblatt aus Branchenkreisen.

Aphria Deutschland bestätigte dem Handelsblatt, den Zuschlag für fünf der 13 Lose bekommen zu haben. Aurora Deutschland, das nach Brancheninformationen ebenfalls fünf Lose bekommen haben soll, äußerte sich zunächst nicht. Demecan bestätigte am Donnerstagnachmittag den Zuschlag für drei Lose.

„Wir freuen uns sehr, den Zuschlag für fünf Lose bekommen zu haben und mit unserer Erfahrung Cannabis in medizinischer Qualität in Deutschland aufbauen zu können“, sagt Aphria-Deutschland Geschäftsführer Hendrik Knopp. Aphria gehört in Kanada zu den führenden Cannabisunternehmen.

In Deutschland will Aphria sein Geschäft auf zwei Säulen aufstellen: drei Blütensorten will Aphria durch den Anbau vor Ort anbieten, weitere Sorten medizinischen Cannabis können aus Kanada und künftig auch aus den Anlagen in Dänemark importiert werden. Aphria Deutschland wird die Cannabispflanzen in seiner 8.000 Quadratmeter großen Anlage in Neumünster anbauen, wo derzeit noch medizinisches Chili, das unter anderem für Wärmepflaster benötigt wird, wächst.

79 Bieter beziehungsweise Bietergemeinschaften hatten im Ausschreibungsverfahren des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) Angebote abgegeben. Die Ausschreibung umfasst 10.400 Kilogramm Cannabis, verteilt auf vier Jahre mit jeweils 2.600 Kilogramm. Das Bundesinstitut erwartet die erste Ernte für das 4. Quartal 2020. Bei Bedarf kann auch weiterhin zusätzlich medizinisches Cannabis importiert werden.

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Ganz final ist die Entscheidung für die Cannabis-Anbauer in Deutschland allerdings noch nicht. Zehn Tage lang kann noch gegen die Vergabe der einzelnen Lose geklagt werden. Wegen dieser verfahrenstechnischen Gründe nimmt das Bfarm nach Angaben eines Sprechers derzeit auch nicht zur Zuschlagserteilung Stellung.

Der Einsatz von Cannabis für therapeutische Zwecke ist in Deutschland seit März 2017 bei scherwiegenden Erkrankungen erlaubt. Laut Gesetz muss Cannabis als Medizin von den gesetzlichen Krankenkassen auch erstattet werden, wenn etwa andere therapeutische Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Aktuelle Schätzung gehen von rund 40.000 Cannabis Patienten in Deutschland aus. Eine nationale Statistik darüber gibt es nicht.

Im vergangenen Jahr wurden laut Statistik des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen mehr als 185.000 Verordnungen für cannabishaltige Zubereitungen, Blüten und Fertigarzneimittel erteilt. Die Verordnungen summieren sich auf einen Bruttoumsatz von 74 Millionen Euro. Die mehr als 71.000 Verordnungen für Blüten schlagen dabei mit knapp 33 Millionen Euro zu Buche.

Für wie viel Umsatz die Lose der Ausschreibung stehen, will Aphria-Deutschlandchef Knopp nicht verraten. Feststeht: die drei Anbauer in Deutschland, die die Zuschläge bekommen haben, können mit Millionenumsätzen rechnen. Ein Los steht für eine Jahresmenge von 200 Kilogramm Cannabisblüten, fünf Lose somit für eine Tonne. Die Herstellerabgabepreise für Cannabis liegen nach Informationen aus Branchenkreisen auf dem Weltmarkt zwischen 1,50 Euro und etwa acht Euro je Gramm Cannabis.

Die Preise bei der Ausschreibung in Deutschland dürften sich vermutlich unterhalb der Marke von fünf Euro bewegen. Legt man einen Preis von vier Euro zugrunde, stehen die fünf Lose für einen Umsatz von vier Millionen Euro pro Jahr beziehungsweise 16 Millionen Euro für die Ausschreibungsdauer von vier Jahren.

Eine erste Ausschreibung zum Anbau von Medizinalcannabis in Deutschland hatte das Bfarm im vergangenen Jahr aufheben müssen, weil das Oberlandesgericht Düsseldorf der Auffassung eines klagenden Unternehmens gefolgt war, dass die Frist nach einer Verfahrensänderung nicht ausreichend gewesen sei.

Gegen die zweite Ausschreibung hat Branchenkreisen zufolge Aphria geklagt. Da das Unternehmen nun aber einen Zuschlag bekommen hat, entfällt der Klagegrund und Insider erwarten, dass das Unternehmen seine Klage zurückzieht. Aphria selbst will zu dem Thema keine Stellung nehmen.

Künftig wird die von der Bfarm eingerichtete Agentur das in Deutschland gebaute medizinische Cannabis verkaufen. Sie wird die Blüten gemäß den Vorgaben der Vereinten Nationen über Suchtstoffe ankaufen, in Besitz nehmen und an Hersteller von Cannabisarzneimitteln, Großhändler oder Apotheken verkaufen. Dabei darf das Bundesinstitut keine Gewinne oder Überschüsse erzielen.

Source: Handelsblatt, 2019-04-04.
Author: Maike Telgheder

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