15 April 2007

Das kompostierbare Haus

Experimentalgebäude aus Nachwachsenden Rohstoffen in Niederösterreich

Wie die Baubranche nachhaltiger werden kann, zeigt ein Experimentalgebäude in Niederösterreich, das zu den ambitioniertesten Architekturprojekten weltweit zählt: Es wurde bis hin zu den Schrauben ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen gebaut und ist somit das erste kompostierbare Haus!

s_house_dezember.jpgHäuser haben eine deutlich längere Lebensdauer als andere Produkte, umso wichtiger ist es, dass bei der Auswahl der Materialien und bei der Energieversorgung der Nachhaltigkeitsgedanke noch stärker als bisher einfließt.
Das S-House im niederösterreichischen Böheimkirchen tut das mit kompromissloser Konsequenz. Es wurde als europäisches Demonstrationsvorhaben im Rahmen von “Life” geplant und gebaut. Die verwendeten Materialien sind allesamt nachwachsende Rohstoffen, die aus den umliegenden Gemeinden stammen, in der Hauptsache Stroh, Holz und Flachs.

Eine Holzständer-Strohballen-Konstruktion bildet die Gebäudehülle. Die Verwendung von Stroh als Baumaterial ist keine neue Erfindung, sondern eine bewährte, wenn wir etwa an die mittelalterlichen Fachwerkhäuser denken. Sie ist – zumindest in Europa – etwas in Vergessenheit geraten, aber in den letzten Jahren entdecken immer mehr Architekten und Bauherren diesen Rohstoff für sich neu, weil er neben ökologischen Vorteilen auch ökonomische hat, ist er doch ein “Abfallprodukt” aus der Landwirtschaft.

Verputzt wurde das ganze mit Lehm aus der Baugrube. Aufwändige Testreihen haben gezeigt, dass weder Nagetiere, Ungeziefer noch Schimmel den Strohballen etwas anhaben können. Und sie sind – allen Vorurteilen zum Trotz – brandsicher, weil die festgepressten Ballen einen sehr geringen Sauerstoffgehalt haben.

In den Innenräumen kommen auch andere nachwachsende Rohstoffe für die Dämmung zum Einsatz – Flachs, Zellulose und Schafswolle beispielsweise. Allen gemein ist, dass sie ein unnachahmliches Raumklima schaffen, weil sie Temperatur und Feuchtigkeit auf natürliche Weise regeln. Auch bei der Oberflächenbehandlung – sei es bei den Farben, Lasuren oder Klebern – wurde auf Chemie völlig verzichtet und ausschließlich mit Pflanzenölen gearbeitet.

Zusammengefügt wurde das Haus ausschließlich mit klassischen Holzdübeln und (damit sind die traditionellen Elemente des S-Houses auch schon abgehakt) mit speziellen Strohschrauben, hergestellt aus einem auf Holz basierendem modernen Biopolymer.

Seine neu entwickelten Raffinessen demonstriert das S-House auch in seinem “Oberstübchen”: Es ist ein Membrandach, das neben optimalem Witterungsschutz auch eine variable, den Jahreszeiten angepasste Beschattung ermöglicht. Das Gebäude hat eingebaute Fassadenkollektoren, deren Wirkung auf der Südseite durch einen Teich als Reflektorfläche noch verstärkt wird. Zur Unterstützung kann in der kalten Jahreszeit ein mit Stückholz betriebener Speicherofen zugeschaltet werden. Weil das Gebäude aber von der Dämmung her so optimal ausgelegt ist, reicht in der Regel ein Festmeter Holz pro Jahr, um die 400 qm warm zu halten. Kostenpunkt: 50 Euro!

Das S-House kann unter fachkundiger Führung – auch in größeren Gruppen – besichtigt werden. Termine für das Jahr 2007 und viele weitere Hintergrundinformationen gibt es auf der Website www.s-house.at.

Eine umfangreiche Presseinformation, die auch Adressen der beteiligten Unternehmen beinhaltet, finden Sie hier.

(Vgl. Meldungen vom 2006-04-21, 2006-03-03 und 2005-05-17.)

Source: Franz Alt, Sonnenseite, 2007-04-15.

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email