9 Januar 2017

Creapaper: Alternativer Papierrohstoff Gras

Start-up Creapaper im Interview

Wie kam Ihnen die Idee zu Ihrem Projekt?

Im Rahmen unserer Tätigkeiten in der Creapaper GmbH entwickeln und produzieren wir für unsere Konzernkunden Promotion- und Mailingprodukte zum Thema Nachhaltigkeit.

Viele unserer Produkte werden in Kombination mit Papier hergestellt – zum Beispiel Papier mit integriertem Saatgut. So lag es nahe, sich Gedanken zu machen, ob Papier auch nachhaltiger hergestellt werden kann.

Im industriellen Maßstab gibt es bislang nur die beiden Rohstoffe Zellstoff aus Holz und Altpapier auf Basis von Holzzellstoff. Deshalb begaben wir uns auf die Suche nach einem Alternativfaserstoff zur Papierherstellung. Es gibt zwei große CO2-Treiber bei der Rohstoffherstellung aus Holz: Die langen Transportwege (bis zu 9.000 km für Eukalyptus – Kurzfasermaterialien – aus Südamerika) und die chemische Aufbereitung, um aus dem harten Material Holz den weichen Zellstoff zu gewinnen.

Nach Testläufen mit unterschiedlichen Fasermaterialien kristallisierte sich Gras als idealer Rohstoff heraus. Es benötigt nur eine rein mechanische Aufbereitung. Dabei bedarf es keinerlei Einsatz von Chemikalien. Neben seiner einfachen Verarbeitbarkeit und großen Verfügbarkeit, auch für den Einsatz im industriellen Maßstab, verursacht es nur ein Viertel der CO2 Emissionen bei der Herstellung gegenüber der Faser aus Holz.

Für mehr als 90% aller Papierprodukte kann die Grasfaser schon heute eingesetzt werden. In einer Rezeptur kann bei den meisten Produkten bis zu 50% des Rohstoffeinsatzes mit der Grasfaser ersetzt werden. Der Einsatz von Gras in der Papierindustrie hilft somit die Rodung von Wäldern deutlich zu reduzieren.

Hält man sich den stetig steigenden Papierbedarf weltweit (z.B. durch Verpackungsmaterialien für den Internethandel) vor Augen, erkennt man schnell, welch positiven Einfluss der Einsatz von Gras auf den Bereich des Klimaschutzes haben wird.

Wer hat Sie dabei unterstützt?

Wir benötigten für die professionelle Entwicklung unserer Innovation Fachleute aus dem Bereich der Papierherstellung und dem Agrarbereich. Die Erstversuche wurden auf einer Kleinanlage der Papiertechnischen Stiftung (PTS) hergestellt. Hierbei wurden Rezepturen für diverse Papiere entwickelt. Für die Aufbereitung der Grasfaser haben wir uns die Unterstützung der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Schwerpunkt Pflanzenbau, sichern können. Besonders dankbar sind wir der Fa. Zerkall, die den Mut bewiesen, den neuen Rohstoff erstmalig auf einer großen Papiermaschine einzusetzen.

Welche Geldquellen haben Sie gesucht? Wie konnten Sie Investoren überzeugen?

Die Produktentwicklung wurde komplett aus Eigenmitteln und Darlehen aus dem Gesellschafterkreis getragen. Hinzu kam eine Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Wir befinden uns derzeit in der letzten Finanzierungsrunde und benötigen für den Marktauftritt und die Skalierung auf internationale Märkte weiteres Kapital.

Welche Herausforderungen sehen Sie an Ihrem Beispiel für grünes Gründen in Deutschland?

Um wirklich einen bedeutenden Effekt im Bereich der Nachhaltigkeit erzielen zu können, benötigt man neben einer guten Idee viel Lebensenergie und eine Menge Kapital zur Entwicklung von ernsthaften Alternativen. Hilfreich wäre neben institutionellen Fördertöpfen unbürokratisch zu verteilende Gelder auch für Einzelpersonen oder Einzelprojekte.

Gerade in großen, traditionellen Märkten wie der Papierindustrie ist die Umsetzung von neuen Ideen schwer. Entscheidungswege dauern extrem lange. Pioniergeist fehlt oft. Es gibt vielfältige Argumente, neue Rohmaterialien nicht testen zu wollen. In einigen Punkten ist das auch nachvollziehbar. Im Mittelpunkt steht hierbei die hohe Auslastung auf den Maschinen und das Risikopotential bei Produktionsstörungen solch teurer (1/2 Mrd. Euro) Maschinen.

Mit Hilfe unseres Projektpartners „Otto Versand“ aus Hamburg haben wir glücklicherweise doch genügend Papierfabriken überzeugen können, dieses Material zu Testzwecken einzusetzen. Wie von unserer Seite erwartet sind sämtliche Produktionen und Testläufe bislang reibungslos verlaufen.

Was leistet Ihr Projekt für den Klimaschutz? Wie trägt es zum Wandel in der Gesellschaft bei?

Um eine Tonne des Rohstoffs Zellstoff aus Holz herzustellen, benötigt man etwa 510 kg CO2. In einer Screening-Öko-Bilanz des IFEU-Institutes Heidelberg wurde die CO2-Emission der Grasfaser dagegen gerechnet. Diese lag bei gerade mal 130 kg CO2 je Tonne. In Deutschland werden derzeit über 4 Mio. Tonnen Zellstoff aus Holz zur Papierherstellung eingesetzt.

Würden nur 50 Prozent des Papiers aus Grasfaser hergestellt und ein Teil des Altpapiers zusätzlich durch Grasfasern substituiert, könnten jährlich in Deutschland 1.520.000.000 kg CO2 eingespart werden.

Welches Geschäftsmodell steckt hinter Ihrem Vorhaben?

Wir verstehen uns zukünftig als Rohstoffhersteller und Lieferant.

Die Weiterverarbeitung des Heus wird je nach Einsatz und Papierprodukt für den Hersteller unterschiedlich aufbereitet. Gras wird von Ausgleichsflächen im Umkreis von ca. 50 km um die Papierfabrik bezogen. Bereits ab 15.000 Tonnen Jahresabnahmemenge erlaubt uns ein Drei-Jahresvertrag mit der Papierfabrik eine dezentrale, direkt vor den Toren der Papierfabrik angesiedelte, regionale Produktion. Allein in Deutschland beläuft sich das Kundenpotential auf über 100 Papierfabriken.

Was ist dabei Ihr Alleinstellungsmerkmal?

Im Gegensatz zu allen bislang getesteten alternativen Rohstoffen und auch den jetzt genutzten Zellstoffen aus Holz beinhaltet die Pflanze Gras so gut wie kein Lignin. Lignin ist der Kleber, der Pflanzen gestattet hoch zu wachsen. Es bewirkt eine Verholzung der Außenhaut.

Für die Papierherstellung muss Lignin aus dem Rohstoff Holz entfernt werden – dies geht nur chemisch. Da Gras so gut wie kein Lignin enthält, reicht eine rein mechanische Aufbereitung, die völlig ohne Chemie auskommt.

Gras wurde bislang noch nie als Rohstoff für die Papierproduktion eingesetzt. Der Einsatz von Gras bei der Papierherstellung und auch die Verarbeitung des Grases selber wurde von uns zu internationalen Patenten angemeldet.

Welchen Tipp haben Sie für Gründerinnen und Gründer in der Green Economy?

Seien Sie stark und ausdauernd!

Vieles muss bei der Gründung bedacht werden. Neben Familien und Freunden gilt es auch die Investoren von einer wirklich guten Idee zu überzeugen. Man muss für die Sache wirklich brennen und einen langen Atem haben, um die Anfangsphase durchzustehen. Der Nutzen für die Umwelt und für die Menschen ist jedoch die Mühe wert.

Greifen Sie auf das Wissen von Fachleuten zurück. Scheuen Sie sich nicht, mit Ihrem Anliegen aktiv auf diese zuzugehen. Es gibt viel mehr begeisterungsfähige Mitdenker, als Sie glauben.

Source: Start Green, Pressemitteilung, 2016-12-13.

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