30 Januar 2006

Chinaschilf – oder: Was lange währt, wird endlich gut

Kampagne soll Neueinsteiger motivieren

Nach mehr als zehn Jahren Aufbruchstimmung scheinen sich für schweizer Miscanthus-Anbauer konkrete Perspektiven aufzutun. Trotz den ungünstigen Vorzeichen der AP 2011 wird die industrielle Nutzung von Chinaschilf immer realistischer.

Obwohl gemäss Bundesratsvorschlag punkto AP 2011 die Unterstützung pro Hektare nachwachsender Rohstoffe von 2000 Franken auf 600 runtergeschraubt werden soll, ist IGM (Interessengemeinschat Miscanthus)-Präsident Jörg Will optimistisch.

Mit dem Argument, dass in der immer heisser werdenden Klimadiskussion ein CO2-neutraler Rohstoff an Bedeutung gewinne, will Will den Bund überzeugen, die Anbaubeiträge nicht nur beizubehalten sondern sogar auszudehnen. Er hat beim Bund angeregt, eine Anbaukampagne zu finanzieren, welche Neuanpflanzern den Einstieg in den Chinaschilf-Anbau erleichteren soll.

Erstes Miscanthus-Wohnhaus kommt im 2006

An der Hauptversammlung der IGM am Donnerstag in Schönbühl erklärte Will den rund 20 angereisten Miscanthus-Pflanzern, warum sie in Zukunft nicht im Schilf stehen werden. Im April soll ein erstes Wohngebäude aus Miscanthus-Elementen erstellt und im August der breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden. “Die Miscanthus-Elemente sind nicht nur isolierend, sondern auch höchst schallschluckend”, erklärte Roland Auderset, Delegierter von der Firma Nawaro AG in Gurmels.

Diese von der EMPA und in Deutschland vom TÜV und DIN attestierten Prüfergebnisse haben die Nawaro AG dazu bewogen, im letzten Jahr in mehreren Ländern, darunter die EU, Kanada und USA, Russland und China, Patente für den innovativen Miscanthus-Baustoff zu hinterlegen. Renommierte Architekten haben schon Interesse für den ökologischen Baustoff bekundet.

Ökologische Schallschutz-Wände in Entwicklung

Aber nicht nur Häuser will Auderset mit den Miscanthus-Elementen erstellen. Nawaro AG und Ueli Freudiger, der Miscanthus-Pionier aus Gals, stehen mit einem Hersteller von Schallschutzwänden aus Deutschland in Kontakt und werden Wände gemäss Schweizer Normen herstellen und mittelfristig Baueingaben machen.

Die Vorteile des wieder nachwachsenden, ökologischen und einfach zu erntenden Rohstoffes gegenüber konventionellen Schallschutzwänden aus Holz und Beton sprechen für sich, meinen die Initianten. Für den Einsatz als Baustoff erhofft sich die IGM einen bis zu 80% höheren Erlös als der aktuelle Produzentenpreis von 150 Fr. pro Tonne. Diesen Preis erachtet Auderset als hoch. “Der Preisdruck im Baugewerbe ist gewaltig”, meint er, “Ökologie hin oder her, die Entscheidung der Bauherrschaft richtet sich fast immer nach den Kosten.”

Bausteine aus Miscanthus und Heizung à la Roseau du Chine

Neben den Element-Bauteilen kämen auch Miscanthus-Bausteine auf den Markt, informierte Freudiger. Diese könnten wie Ziegelsteine eingesetzt werden. Der Vorteil sind ressourcenschonende Herstellung, höhere Wärme- und Schalldämmwerte wie Rückbau in die Ökobilanz.

Aber nicht nur durch den Einsatz als Baustoff soll die Wertschöpfung von Chinaschilf verbessert werden. Freudiger wird dieses Frühjahr ein zentrale Heizanlage für min. 7 Einfamilienhäuser in Betrieb nehmen. Statt Holzpellets verbrennt der in Österreich hergestellte Ofen Miscanthus-Häcksel. Pro Hektare Rohstoffertrag erreiche man damit ein Erdöl-Äquivalent von 7000 l, erklärte Freudiger.

Rhizom-Ernte-Maschine von Bärtschi-Fobro

Es scheint, dass nicht nur die Schweizer Miscanthus-Pioniere an den Erfolg der Biomasse der mehr als drei Meter hohen, schnellwachsenden Pflanze glauben. Die Firma Bärtschi-Fobro, Hüswil, hat eigens eine Rhizom-Ernte-Maschine entwickelt. Damit könnten aus einem Hektar Chinaschilf Rhizome für die Neubesetzung von 5-7 Hektaren gewonnen werden.

Die Anpflanzung mit Rhizomen erfolge durch die Verteilung mit dem Mistzetter und durch ein flaches Einpflügen, weiss Freudiger. Danach könne schon nach einem Jahr geerntet werden. Auch das Seco (Staatssekretariat für Wirtschaft) unterstützt die Marketing-Tätigkeiten der IGM und der Nawaro AG im Rahmen von Regio-Plus-Projekten momentan mit 91’000 Franken jährlich.

Nicht alles ist rosig

Trotz der ganzen “Good News” servierte die Buchhalterin der IGM, Vreni Müller, den China-Schilf-Produzenten auch Wermutstropfen. Fast 30 % des Erlöses von Chinaschilf verpuffe durch die hohen Transportkosten. Grund sei die aufwändige Logistik, hervorgerufen durch die zentrale Lagerung und die schlecht kalkulierbare Nachfrage.

Auch resultierten zu oft Leerfahrten durch mangelhafte Ware am Ladeort. Diesem teuren Qualitätsmanko will die IGM durch Informationsveranstaltungen über die optimale Lagerung abhelfen. Gerade in der Westschweiz komme es oft vor, dass der Schilf zu lange ungeschützt im Regen liegen gelassen werde und verrotte, beklagte sich Müller.

Mehr Miscanthus-Bauten sollen Nachhaltigkeit belegen

Freudiger beklagte, dass trotz des grossen Interesses, das der Miscanthus-Bauweise durch Bauherren entgegengebracht werde, oft die mangelnde Langzeiterfahrung beklagt werde. Er rief die Schilf-Bauern dazu auf, Ökonomiegebäude mit Chinaschilf-Elementen zu bauen. Je öfter dieser eingesetzt werde, desto mehr “Anschauungsmaterial” für künftige Bauherren und Architekten stehe zur Verfügung. “Mein Bürohäuschen, das erste Gebäude in der Schweiz aus Chinaschilf-Elementen, ist jetzt 6 Jahre alt und schaut noch aus wie neu”, berichtete Freudiger enthusiastisch.

Source: schweizerbauer.ch vom 2005-01-27.

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email