4 Januar 2011

Chemische Industrie – Konzerne verzögern Öl-Alternativen

Alternativen für den Rohstoff Öl sind immer noch gesucht

Die chemische Industrie hängt am Tropf der Erdölproduzenten. Viele Chemische Rohstoffe basieren zu 90 Prozent auf dem fossilen Rohstoff. Alternativen zum Erdöl gibt es längst. Doch die Konzerne haben Gründe, warum sie diese bisher nur sparsam einsetzen.

Seit dem 1. Dezember ist es amtlich: Der Chemie-Konzern BASF darf das Spezialchemieunternehmen Cognis kaufen. Durch die von langer Hand geplante Übernahme macht sich BASF Chart zeigen nicht nur unabhängiger vom konjunkturanfälligen Basischemiegeschäft – sondern auch vom langsam zur Neige gehenden Chemierohstoff Erdöl.

Cognis-Vorstand Antonio Trius hatte das Unternehmen zuvor konsequent auf das margenträchtige Geschäft mit Vorprodukten für die Konsumgüterindustrie ausgerichtet. Und dabei auf nachwachsende Rohstoffe statt auf Erdöl als Produktionsbasis gesetzt. Solche grüne Cognis-Chemikalien stecken zum Beispiel in Wasch- und Reinigungsmitteln, in Nahrungsergänzungsmitteln, Arzneimitteln, Farben und Kosmetika. “Insbesondere unser Fokus auf Sustainability und unsere Expertise bei Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen haben sich als Erfolgsfaktoren bewährt”, sagte Trius zur geplanten Übernahme. Und Analysten loben, dass das BASF-Management durch die Übernahme sein bislang weitgehend erdölbasiertes Produktportfolio um Know-How zur Produktion alternativer Chemie-Rohstoffe ergänzt.

Das ist zweifellos ein kluger Schachzug. Denn etwa 10 Prozent des weltweiten Erdölverbrauchs fließen heute in die chemische Industrie. Ohne Öl würden die Produktionsanlagen der Chemieriesen nach derzeitigem Stand der Technik stillstehen. Herzstück der Industrie sind sogenannte “Steam-Cracker”, die das Erdöl in chemische Grundstoffe aufspalten. Allein am BASF-Standort Ludwigshafen stehen drei dieser riesigen Erdöl-Spalter. Sie liefern Kohlenstoff-Verbindungen, die als Basis für 90 Prozent aller chemischen Produkte dienen.

Ohne Erdöl würden Basischemikalien für Konsumgüter wie Kosmetika und Waschmittel fehlen, ebenso die von vielen Industrie-Branchen benötigten Kunst- und Klebstoffe, Düngemittel, Farben, Lacke und Schmierstoffe. Erdöl wird allerdings stetig knapper – und teurer. Ebenso wie Automobilkonzerne und Energieversorger arbeiten Chemie-Unternehmen und ihre Kunden daher daran, in den verschiedensten Industriebranchen unabhängiger davon zu werden. Handfeste Alternativen bietet derzeit vor allem die industrielle Biotechnologie: Biokunststoff aus Maisstärke, aus Zucker oder Milchsäure und Lacke aus Raps sind inzwischen ebenso gebräuchlich wie Bioreaktoren, in denen Bakterien Feinchemikalien aus Krabbenschalen oder Holz herstellen.

Weltmarkt für Biochemikalien schon 77 Milliarden Dollar groß
Politiker sind begeistert und rufen bereits die Biomasse-Revolution aus: So will die Bundesregierung bis 2020 auf eine “biobased economy” zusteuern, die Europäische Union (EU) hat nachwachsende Rohstoffe für Industrieanwendungen zum Förderschwerpunkt erklärt. Die Unternehmensberatung Arthur D. Little schätzt den Weltmarkt für Biochemikalien heute auf 77 Milliarden US-Dollar. Das entspräche erst etwa 4 Prozent des Gesamtmarktes. Bis 2025 könne der Marktanteil aber auf bis zu 17 Prozent steigen, prognostizieren die Branchenexperten. Damit wären die Unternehmen auf einem guten Weg, langfristig das zur Neige gehende Erdöl zu ersetzen.

Die hiesige Industrie reagiert auf dieses Potential bislang allerdings verhalten. Von Euphorie ist wenig zu spüren. “Natürlich forscht die Industrie an vielen Fronten zu dem Thema”, sagt Sebastian Kreth vom Verband der Chemischen Industrie (VCI). “In der Politik existieren aber manchmal falsche Vorstellungen davon, was die Umsetzung von Forschungserfolgen im industriellen Maßstab angeht.” Sprich: Die Technologien sind da. Aber nur die wenigsten wirtschaftlich nutzbar. Wie komplex die Umstellung auf erneuerbare Rohstoffe in der Produktion ist, zeigt das Beispiel des Konsumgüterkonzerns Henkel.

Der Konzern bietet bereits mehrere komplett erdölfreie Waschmittel und Kosmetika an: Zurzeit wird etwa das “grüne” Waschmittel Terra massiv beworben. “In der Kosmetik- und Waschmittelindustrie werden ja schon traditionell viele natürliche Inhaltsstoffe eingesetzt”, kommentiert Brian Balmer, Experte für die Chemie-Industrie bei der Unternehmensberatung Frost & Sullivan solche Neuerungen: “In diesen Branchen ist daher auch die Umstellung der Produktionsprozesse auf Biochemikalien relativ leicht zu bewerkstelligen.

Die Produktentwickler stehen dennoch vor einem Problem: Auch nachwachsende Rohstoffe sind nicht unbegrenzt verfügbar. “Wenn die Industrie plötzlich große Mengen Raps, Zucker, Palmöle oder andere Biomasse-Grundstoffe nachfragt, kommt sie in Konkurrenz zur Lebensmittelindustrie und verursacht neue ökologische Probleme”, sagt Balmer. So auch beim Henkel-Waschmittel Terra: Als Ersatz für Erdöl kommt hier Palmöl zum Einsatz – jener Rohstoff, der dem Nahrungsmittelkonzern Nestlé gerade öffentlichkeitswirksame Proteste von Umweltschutzorganisationen beschert hat: gegen die ebenfalls mit Palmöl produzierten Kitkat-Riegel. Denn für Palmölplantagen werden regelmäßig Regenwaldflächen abgeholzt. Henkel steuerte gegen mit der Ankündigung, Nachhaltigkeits-Zertifikate für die Produktion zu kaufen. Das Hauptproblem ist damit aber nicht gelöst.

2. Teil: Klebstoffe ohne Erdöl
“Noch steht Biomasse nicht in ausreichender Menge und Qualität für die industrielle Produktion zur Verfügung”, sagt Berater Balmer. Wenn es um die Produktion von Hightech-Werkstoffen für die Industrie geht, müssen die Unternehmen noch weitere Schwierigkeiten überwinden – und die sind technischer Art. Ramón Bacardit, Entwicklungs-Chef der Henkel-Klebstoffsparte, arbeitet zum Beispiel bereits seit mehreren Jahren an Klebstoffen, die ohne Erdöl auskommen sollen.

Die bisherigen Erfolge sind mager: “Den qualitativen Sprung, den wir in der Klebstofftechnik in den vergangenen 50 Jahren gemacht haben, verdanken wir erdölbasierten Produkten”, gibt Bacardit zu: “Biobasierte Grundstoffe können diese Qualität bisher in vielen Feldern noch nicht bieten.” So sei es zwar unproblematisch, einen Haushaltskleber aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen. “Wenn wir aber Klebstoffe produzieren, mit denen riesige Rotoren für Windkraftanlagen oder Flugzeugflügel geklebt werden, gibt es auf absehbare Zeit keinen qualitativ gleichwertigen Ersatzstoff, der ganz ohne erdölbasierte Materialien auskommt”, sagt Bacardit. Denn die chemischen Strukturen sind wesentlich komplexer als diejenigen von Erdöl. Es wäre weitaus schwieriger und teurer, große Mengen in gleichbleibender Qualität ohne Öl zu produzieren.

Viele Industrieunternehmen bemängeln außerdem, dass neuartige Bio-Chemikalien noch nicht kompatibel mit ihren Produktionsprozessen seien. Sie lassen sich also nicht genauso mischen, erhitzen und formen wie konventionelle Ware.

Walter Trösch, der am Fraunhofer-Institut für Bioverfahrenstechnik in Stuttgart ein Verfahren zur Herstellung von Biochemikalien aus Stroh, Holz und Krabbenschalen entwickelt, regt sich über derlei Einwände der Industrie auf. Vieles sei bereits technisch umsetzbar, für die Unternehmen aber schlicht noch nicht wirtschaftlich im Vergleich zu den etablierten Erdöl-Produkten. Das liege aber auch daran, dass sich in der Produktion wenig getan habe: “Die Produktionsprozesse der Industrie sind seit mehr als fünfzig Jahren auf erdölbasierte Rohstoffe ausgelegt”, sagt Trösch: “Natürlich müssen sie angepasst werden, wenn nun neue Basismaterialien wirtschaftlich und effizient eingesetzt werden sollen.”

Bestehende Anlagen nahezu wertlos
Die Industrie könne also nicht einfach nur darauf warten, dass die Forschung passgenaue Ersatzstoffe für ihre Produktionsprozesse anbiete. Auch Deutsche Bank-Analyst Oliver Rakau identifiziert Vorbehalte der Industrie als einen der größten Bremsklötze für eine baldige Umstellung auf Biochemikalien. “Biotechnische Anlagen unterscheiden sich deutlich von herkömmlichen Anlagen, die fossile Rohstoffe verarbeiten”, sagt Rakau. Beim Umstieg müssten Unternehmen daher nicht nur neue Anlagen kaufen. Auch würden die bestehenden Anlagen quasi wertlos. “Das heißt, selbst wenn ein konkurrenzfähiger biotechnischer Prozess entwickelt wird, kann es für die Unternehmen Sinn ergeben, nicht oder zumindest verzögert umzustellen”, konstatiert der Branchen-Beobachter.

Deshalb wird in vielen Konzernen und auch bei manch innovativem Mittelständler zwar viel zum Thema geforscht – letztlich wird die große Revolution weg vom Öl aber wohl weiter auf sich warten lassen. Deutsche-Bank-Analyst Rakau verspricht allenfalls eine Revolution auf Raten: “Im Ergebnis wird die technische Entwicklung zu einem stark auf Biomasse bauenden Chemiesektor führen, der dennoch weiter auf Erdöl angewiesen ist.”

Source: Manager Magazin, 2011-01-04.

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