9 Juli 2002

C.A.R.M.E.N.-Symposium: “Rohstoffe – regenerativ und rentabel”

200 Teilnehmer beim Jubiläums-Symposium am 8. Juli auf der Würzburger Festung Marienberg

Am 8. Juli fand das C.A.R.M.E.N.- Symposium unter dem Motto “Rohstoffe – regenerativ und rentabel” auf der Festung Marienberg in Würzburg statt. Zum 10. Mal lud der C.A.R.M.E.N. e.V., die bayerische Koordinierungsstelle für Nachwachsende Rohstoffe zu seiner Veranstaltung ein. Gut 200 Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, Politiker, Behördenvertreter und fachlich Interessierte nutzten diese beliebte Gelegenheit, sich über den neuesten Stand im Bereich der Nachwachsenden Rohstoffe zu informieren.

Entsprechend dem Leitsatz der C.A.R.M.E.N.-Symposien “Im Kreislauf der Natur – Naturstoffe für die moderne Gesellschaft”, stellten die Veranstalter wieder interessante Themen zusammen. Zur Begrüssung blickte Reinhold Erlbeck, Vorstandsvorsitzender
von C.A.R.M.E.N. auf zehn erfolgreiche Jahre zurueck. In dieser Dekade bearbeitete C.A.R.M.E.N. 260 Projektanträge für die energetische und 160 für die stoffliche Nutzung Nachwachsender Rohstoffe. Inzwischen agiert der Verein auch als internationale Informationsplattform weit über die Landesgrenzen hinaus.

In Vertretung der Würzburger Oberbürgermeisterin Pia Beckmann hiess Bürgermeisterin Marion Schäfer die Teilnehmer des Jubiläums-Symposiums willkommen und betonte die grosse Bedeutung der Veranstaltung für die Stadt Würzbug und die Region. Auch Reinhold Perlak, Oberbürgermeister in Straubing, der neuen Heimat von C.A.R.M.E.N., unterstrich mit seinem Grusswort die Bedeutung der Arbeit des Vereins.

Der Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Bayerischen Landtag, Manfred Ach, präsentierte dem gemeinsamen Plenum Bedeutung und Förderung von Nachwachsenden Rohstoffen aus finanzpolitischer Sicht und belegte damit den hohen Stellenwert Nachwachsender Rohstoffe in der bayerischen Politik, der sich auch in den Agenden der Landtagsdebatten und in zahlreichen Anfragen und Beschlüssen widerspiegelt.

Darauf folgte der Vortrag von Dr. Guido Reinhardt (Institut für Energie und Umweltforschung, Heidelberg), der Stand und Perspektiven von Ökobilanzen Nachwachsender Rohstoffe formulierte. Er stellte klar, dass Produkte aus Nachwachsenden Rohstoffen nicht allein deshalb umweltfreundlicher als andere Produkte sind, weil sie aus Nachwachsenden Rohstoffen gefertigt werden. Zur Klärung von Fragen, die sich z.B. mit der Umweltfreundlichkeit von Produkten aus Nachwachsenden Rohstoffen gegenüber Konkurrenzprodukten auf petrochemischer Basis befassen, können Ökobilanzen beitragen, die den gesamten Lebensweg eines Produktes betrachten.

Dr. Gerhard Berz, Leiter der Forschungsgruppe Geowissenschaften von der Münchener Rueck, schloss mit dem Blick auf Schadenspotenziale und Vorsorgestrategien hinsichtlich der globalen Klimaänderungen das Programm des Vormittags ab. Er stellte heraus, dass die Versicherungsgesellschaften seit Anfang der 80er Jahre zunehmend beunruhigt auf die rapide steigenden Schadensbelastungen aus Naturkatastrophen reagieren und dass Häufigkeit und Schadensausmass in Zukunft weltweit zunehmen werden. Dies nährt den Verdacht, dass weltweite Umwelt- und Klimaveränderungen massgeblich zum Katastrophentrend beitragen, auch wenn derzeit eine wissenschaftliche Absicherung noch aussteht.

Am Nachmittag fanden zeitgleich Vorträge zu energetischen und stofflichen Themen statt. Rudolf Eder von der BioEnergie Taufkirchen präsentierte das Biomasseheizkraftwerk Taufkirchen südlich von München mit den Schwerpunkten Brennstofflogistik und Wärmekunden. Die Anlage ist so konzipiert, dass die gesamte Ortschaft mit ca. 18.000 Einwohnern versorgt werden kann. Die Verbrennung von 30.000 t Holzhackschnitzel aus einem Einzugsbereich von 20 km Entfernung erspart der Atmosphäre jährlich über 15.000 t CO2-Emissionen aus fossilen Energieträgern.

Anschliessend lieferte Christoph Lindermayr von der ZAK Energie GmbH, Kempten, einen Erfahrungsbericht zur Umrüstung eines Müll-Heizkraftwerkes (HKW) in ein Biomasse-HKW. Am Beispiel des HKW Kempten stellte er neben dem Energiekonzept seines Unternehmens u.a. die Punkte vor, die eine Umrüstung zum Biomasse-HKW begründen und ging auf die erforderlichen Nach- und Umrüstmassnahmen ein.

Das Biomasseheizkraftwerk Pfaffenhofen samt Brennstofflogistik und technischer Konzeption war Thema von Volkmar Schäfer von der eta Energieberatung GbR, Pfaffenhofen. Die 2001 in Betrieb genommene Anlage gehört nach Meinung des Umweltbundesamtes zu den Projekten mit der höchsten Effizienz und dem grössten ökologischen Wert in der Bundesrepublik. Das HKW weist durch Kraft-Wärme-Kältekopplung bei gleichzeitigem Einsatz einer Rauchgaskondensationsanlage eine hohe ganzjährige Auslastung auf.

KWK-Konzepte mit dem Spilling-Motor standen bei Till Augustin von der Firma Spilling Energie Systeme, Hamburg im Vordergrund. Dieser Dampfmotor ist seit den 50er Jahren in Verbindung mit holzgefeuerten Kesseln als Kraft-Wärme-Kopplungs-Maschine im Einsatz und wurden seit dieser Zeit erheblich weiter entwickelt. Anhand von drei Anlagenbeispielen belegte er auch tendenzielle Veränderungen bei der Nutzung von Holz.

Innovative Biomasse-Verstromung mit Pebble-Heater und Heissluftturbine stellte Prof. Dr. Martin Faulstich vom ATZ EVUS aus Sulzbach-Rosenberg vor. Das dezentrale Kraftwerkskonzept von ATZ-EVUS dient der zusätzlichen Freisetzung von Potenzialen für eine erweiterte Biomassenutzung und ermöglicht den ökonomischen Einsatz regional verfügbarer Biomasse.

Das abschliessende Referat im energetischen Block hielt Wilhelm Stockel vom Ingenieurbuero Gammel aus Abensberg zur ORC-Technologie am Beispiel des Biomasseheizkraftwerkes Sauerlach. Er stellte das ORC-Prinzip mit seinen Besonderheiten und Einsatzmöglichkeiten ebenso vor wie die wesentlichen Unterschiede zum Wasserdampf-Prozess. Danach beleuchtete er die Besonderheiten des Biomasseheizkraftwerkes Sauerlach.

Im Themen-Block zur stofflichen Nutzung Nachwachsender Rohstoffe stellte Martin Lichtl von der Beratung für Umweltkommunikation in Frankfurt das Kasseler Modellprojekt mit kompostierbaren Verpackungen vor. Bei diesem Praxistest wird ein breites Sortiment aus biologisch abbaubaren Werkstoffen (BAW) im Einzelhandel angeboten, um die Akzeptanz durch den Verbraucher zu testen.

Dr. Harald Käb von der narocon Innovationsberatung, Berlin, referierte über Markt und Perspektiven von High-Oleic-Sonnenblumenöl. In hoher Reinheit sind diese Pflanzenöle als multifunktionale Chemikalie z.B. für die Herstellung von Hochleistungs-Kunststoffen geeignet oder auch für den Einsatz in Kosmetik-, Pharma- und der Schmierstoffindustrie.

Dr. Johann Bleier, Vialit Asphalt Ges.mbH (Braunau, Österreich), stellte Erfahrungen beim Strassenunterhalt mit RapsAsphalt, einer Bitumenemulsion auf Rapsölbasis, vor. Dabei konnte er auf die 10-jährige Erfahrung Österreichs im Strassenunterhalt unter Mitverwertung Nachwachsender Rohstoffe zurückgreifen.

Naturfasergefüllte Polypropylene und Isolationsmaterialien aus Grasfasern waren Vortragsthema von Dr. Michael Gass, 2B AG, Duebendorf (Schweiz). Seine Firma befasst sich mit Technologien zur chemikalienfreien Aufbereitung von feuchter cellulosehaltiger Biomasse wie Gras oder Biertreber.

Über die Herstellung von bindemittelfreien MDF-Platten mittels enzymatischer Aktivierung berichtete Prof. Dr. Alireza Kharazipour von der Pfleiderer AG aus Neumarkt. Holz wird zunächst mittels Hitze und Scherkräften in einzelne Fasern zerlegt, das Lignin bleibt als Kruste auf den Fasern zurück. Lignin würde den Klebeprozess stören. Wird es aber mittels enzymatischer Prozesse in ein geeignetes Bindemittel umgewandelt, trägt es bei der Verpressung zu einer festen Bindung zwischen den Holzfasern bei.

Wie aus Krabbenschalen eine Press-Spanplatte entstehen kann oder wie sich synärische Gele zur drucklosen Kompaktierung loser Materialien eignen, das erklärte abschliessend der Diplom-Biochemiker Dr. Thomas Kripp aus Fränkisch-Crumbach. Bei diversen Versuchen durch Quervernetzung des Naturpolymers “Chitosan” neue Methoden zur Haarvernetzung zu finden, wurden interessante Gele entdeckt. Durch Zusatz von Füllstoffen sind unterschiedlichste Anwendungsmöglichkeiten dieser Gele denkbar.

Exkursionen standen am Dienstag, den 9. Juli auf dem Programm.
Bei der Metzeler Schaum GmbH konnte 20 Interessierte die erste Kaltschaum-Matratze auf Pflanzenölbasis liegend testen und ihren Herstellungsprozess miterleben. Die Gelegenheit zur Besichtigung des Biomasseheizkraftwerkes Pfaffenhofen und der Kälteanlage bei der Brauerei Müllerbräu in Pfaffenhofen nutzten 65 an energetischen Themen interessierte Symposiums-Teilnehmer.

Weitere Informationen bei:
C.A.R.M.E.N. e.V.
Schulgasse 18,
Tel.: 09421-960-300
Internet: http://www.carmen-ev.de

Source: Pressemitteilung des C.A.R.M.E.N. e.V. vom 2002-07-09.

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