26 Oktober 2004

BTL-Kraftstoffe in der Diskussion

taz-Interview mit Guido Reinhardt (ifeu): "Es muss noch viel geforscht werden"

Noch ist das Biomasse-Verfahren nicht reif für die Großtechnik, sagt der Energieforscher Guido Reinhardt. Aber er ist sicher: Kraftstoffe aus Holz oder Heu seien eine gute Zwischenlösung, bevor das Wasserstoffauto auf die Märkte drängt. Guido Reinhardt, 45, Chemiker und Biologe, ist Leiter des Fachbereichs Verkehr am Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) in Heidelberg.

taz: Herr Reinhardt, alle jubeln über die Aussichten für die synthetischen BtL-Kraftstoffe vom Acker. Sie auch?

Guido Reinhardt: Die Chancen sind fantastisch, aber es muss noch sehr viel geforscht werden. Das Neue an diesen Biokraftstoffen ist, dass sie durch den Synthesegasprozess passgenau auf einen Motor zugeschnitten werden können. Dadurch vermeidet man Abgase.

taz: Welche technischen Fragen sind bei BtL-Kraftstoffen noch nicht geklärt?

Guido Reinhardt: Die Anlagen müssen sich erst noch großtechnisch als tauglich erweisen. Insbesondere ist noch nicht klar, welches der vielen Vergasungsverfahren wirklich reibungslos funktioniert.

taz: Sie haben vom Bundeslandwirtschaftsministerium den Auftrag bekommen, eine Ökobilanz der BtL-Kraftstoffe zu erarbeiten. Im Gegensatz zu Rapsdiesel kann man bei SunDiesel die ganze Pflanze nutzen. Ist das ein ökologischer Vorteil?

Guido Reinhardt: Es kommt darauf an, was man miteinander vergleicht. Nehmen wir das Beispiel Plantagenholz. Macht man aus dem Holz im Kraftwerk Strom und Wärme, dann ist die Ökobilanz besser als wenn man aus dem Holz BtL-Kraftstoffe herstellt. Vergleicht man dieses BtL aber mit dem Raps-Biodiesel, dann schneidet das Holz besser ab.

taz: Haben wir genug Fläche, um unseren Dieselbedarf zu decken?

Guido Reinhardt: Sicherlich nicht genug, um das Weltenergieproblem zu lösen. Aber auch in Europa reicht es nicht. Derzeit produziert die EU etwa 85 Prozent ihrer Nahrungsmittel selbst. Angenommen, wir versorgen uns zu 100 Prozent selbst und würden auf den restlichen landwirtschaftlichen Flächen ausschließlich für BtL-Kraftstoffe anbauen, könnten wir nicht einmal 10 Prozent des EU-Kraftstoffmarktes bedienen. Aber das darf kein Hinderungsgrund sein: Wir müssen versuchen, das Beste herauszuholen.

taz: Wenn die Forschung intensiv weiterläuft, wann könnte BtL an der Tankstelle sein?

Guido Reinhardt: Ein paar Jahre dauert es schon. Denn es müssen viele neue Anlagen gebaut werden, die so komplex sind wie die heutigen Erdölraffinerien.

taz: Wie sinnvoll sind Hybridautos mit Elektro- und Verbrennungsmotor?

Guido Reinhardt: Aus Umweltsicht äußerst sinnvoll, weil sie weniger verbrauchen. Wegen der zwei Motoren ist das Hybridfahrzeug aber teurer.

taz: Sind Wasserstoffautos nun in weite Ferne gerückt?

Guido Reinhardt: Die waren schon immer in weiter Ferne. Im Jahr 2030 könnte es so weit sein. Und bis dahin könnten die BtL-Kraftstoffe eine wichtige Zwischenfunktion ausfüllen. Das ist aber noch aus technologischer und ökologischer Sicht zu beweisen.

(Anm. d. Redaktion: Zusatz zur Meldung vom 2004-10-23.)

Source: Mit freundlicher Genehmigung der taz-die tageszeitung Nr. 7479, brennpunkt 2, Seite 6 vom 2004-10-05.

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