2 August 2005

Brasiliens Ethanol für deutsche Tankstellen?

Deutsche Produktion kann kommenden Bedarf nicht allein decken

12,5 Mrd. l Ethanol werden jährlich in Brasilien produziert. Dieses deckt nicht nur die Versorgung der drei Millionen einheimischen Fahrzeuge, sondern auch die Exportnachfrage Chinas, Japans und der USA. Nun soll auch Europa als kommender großer Markt erschlossen werden.

In Kürze wird sich zeigen, was den Europäern wichtiger ist, der Schutz der eigenen, noch schleppenden Produktion, oder die Etablierung konkurrenzfähiger und subventionsfreier Biokraftstoffe im europäischen Tankstellenvertrieb. Sollte ernsthaftes Interesse daran bestehen, die selbst vorgegebene Zielmarke von 5,75% Biotreibstoff-Anteil im Jahr 2010 einzuhalten, wird die EU um eine Senkung des Importzolls von fast 20 Eurocent pro Liter wohl nicht herumkommen. Auf das Ergebnis der Verhandlungen mit den Brasilianern darf man gespannt sein.

In Brasilien gehören Startschwierigkeiten für biogene Treibstoffe der Vergangenheit an. Das Angebot von Ethanol ist bis auf wenige Ausnahmen flächendeckend, vor allem in den großen Städten haben Autofahrer überhaupt keine Probleme, sich mit dem aus Zuckerrohr gewonnenen Kraftstoff zu versorgen. Insgesamt gibt es in Brasilien ca. 25.000 Tankstellen, an denen man Ethanol bekommen kann. Diese Zahl dürfte in Zukunft noch weiter steigen, da derzeit zwei Drittel aller neu zugelassenen Fahrzeuge mit Ethanol fahren.

Hierbei spielt auch Volkswagen Brasilien eine wichtige Rolle. Dort wird seit zwei Jahren ein Flex-Fuel-Fahrzeug produziert, das wahlweise mit Ethanol oder Benzin fährt. Bereits ein Viertel der von VW in Brasilien verkauften Autos bieten diese Motorentechnik, bei der sich Zünd- und Einspritzanlage von selbst auf die Art des zu verbrennenden Kraftstoffs einstellen. Beim derzeitigen flächendeckenden Ethanol-Angebot in Brasilien mag dies als technische Spielerei erscheinen, ist jedoch notwendig, um neue Kunden wieder für Ethanol-Fahrzeuge zu gewinnen. Die brasilianischen Verbraucher trauen der Entwicklung von Ethanol zum Kraftstoff noch nicht ganz und setzen deshalb auf Flexibilität.

Da Ethanol heute lediglich ein Kuppelprodukt der Zuckerproduktion ist, stellen unerwartet ansteigende Zuckerpreise kein Risiko mehr dar. Außerdem erscheinen mittel- und langfristig sinkende Ölpreise äußerst unwahrscheinlich. Das Gegenteil ist vermutlich der Fall.

In Brasilien sind bis zu fünf Zuckerrohr-Ernten im Jahr mit einer Produktionsmenge von 310 Mio. t/Jahr üblich, dies ist weltweit bislang unerreicht. Von der Art der Produktion hängt es ab, wie viel Ethanol hieraus gewonnen werden kann. In Brasilien werden jährlich aus ca. 20 Mio. t Zucker rund 12,5 Mrd. l Ethanol hergestellt. Nach Angaben von Zuckermühlenbesitzern wäre auch eine komplette Umstellung auf die Nur-Produktion von Bio-Ethanol innerhalb weniger Tagen möglich. Schon jetzt wäre ein Kraftstoffertrag pro Hektar von 10.000 l denkbar.

Der jetzige Wettbewerbsvorteil von Ethanol-Kraftstoff dürfte mit der Zeit noch größer werden. Bereits heute liegen die Spritkosten bei ethanolbetriebenen Fahrzeugen um fast 50% niedriger als bei Benzinern. Zum einen verbrauchen sie auf 100 km etwa zwei Liter weniger, zum anderen ist der Preis um ein Drittel geringer. Solche Argumente sollten eigentlich auch bei europäischen Verbrauchern Interesse finden, doch in Deutschland sieht es in Sachen Ethanol eher düster aus. Trotz staatlicher Förderung durch die Steuerbefreiung gibt es derzeit nur drei Werke, die zusammen auf 590.000 t Ethanolertrag/Jahr kommen.

Es herrscht große Zurückhaltung bei Investoren, Geld in weitere Werke zu stecken. Die angestrebte Biotreibstoff-Quote von 5,75% kann somit nur durch den Import von 1 Mio. t aus Brasilien gedeckt werden. Leider zieht der Bundesverband Biogene Kraftstoffe daraus den Schluss, dass der deutsche Markt durch Steuern und Zölle vor billigem Ethanol aus Südamerika geschützt werden muss.

Neben generellen Bedenken, die man aufgrund der restriktiven Einfuhrpolitik der EU und den daraus resultierenden Preisen für die Verbraucher haben kann, gibt es weitere Argumente, die gegen Zölle und Steuern auf importierten Ethanol sprechen. Gerade das Beispiel Brasilien zeigt dieses sehr gut. Es geht nicht nur darum, einen Kraftstoff kostengünstig anzubieten, sondern auch das Vertrauen der Konsumenten und die Kooperationsbereitschaft der Autoindustrie zu gewinnen. Nur so kann es zu einer langfristigen Etablierung eines neuen Kraftstoffs am Tankstellenmarkt kommen.

Sowohl Anbieter als auch Käufer von Ethanol-Autos sollten sich darauf verlassen können, dass der Biokraftstoff auch bei temporär sinkenden Ölpreisen oder einer plötzlichen Überschussnachfrage ohne drastische Preissteigerungen verfügbar bleibt. Hier kann sich Brasilien als wertvoller Handelspartner erweisen, wenn man bedenkt, welches Produktionspotenzial dort noch vorhanden ist, da derzeit nur auf 1% der Ackerflächen Zuckerrohr angebaut wird.

Langfristig dürfte dies auch für die deutsche Biokraftstoffindustrie von Vorteil sein. Denn ist eine konstante Nachfrage nach Ethanol erst einmal entstanden, werden auch Investoren eher geneigt sein, ihr Geld in weitere Werke für Deutschland anzulegen. Sollte es hier Probleme bezüglich der Konkurrenzfähigkeit gegenüber Brasilienimporten geben, ließe sich eine Subventionierung deutscher Anbieter immer noch diskutieren.

(Vgl. Meldungen vom 2005-07-07 und 2003-07-22.)

Source: VDI nachrichten vom 2005-07-01.

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