17 Januar 2012

Branchenbarometer 2012: Gedämpfte Erwartungen

Weniger Unternehmen sehen optimistisch in die Zukunft

Die Industrievereinigung BIO Deutschland und das Branchenmagazin |transkript befragen jedes Jahr Biotechnologieunternehmen und weitere Firmen aus dem Umfeld der Lebenswissenschaften, was sie vom kommenden Jahr erwarten. Optimistisch ist die Branche weiterhin, doch verhaltener als im Vorjahr. Ein Grund ist der Zustrom an Risikokapital, der 2011 stark zurückgegangen ist. Viele Firmen erwarten hier auch für 2012 keine substanzielle Entspannung. Einen Lichtblick gibt es aber: Immer mehr Unternehmen schreiben schwarze Zahlen, diversifizieren ihre Produkte und machen sich damit unabhängiger von den Investoren, sagte Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender der BIO Deutschland bei der Vorstellung der Umfrage in Berlin.

Insgesamt 1.300 Unternehmen aus der Biotechnologie, aber auch biotechnologisch aktive Unternehmen, Zulieferer oder Dienstleister erhalten jedes Jahr einen Fragebogen der BIO Deutschland. 225 Firmen sandten den Fragebogen diesmal zurück. Aus den Antworten ergibt sich ein gemischtes Bild. Weniger Unternehmen als noch im letzten Jahr sehen optimistisch in die Zukunft, der zugehörige Index sank deutlich von 98 auf 92 Punkte. Im Kontrast dazu lief das zurückliegende Geschäftsjahr bei vielen Unternehmen sehr gut. Die aktuelle Geschäftslage bewerten die Befragten mehrheitlich sogar besser als im vergangenen Jahr (+1). “Die Unternehmen arbeiten weiter an der Entwicklung neuer Produkte und werden dabei zunehmend profitabel”, sagte BIO Deutschland-Vorstandsvorsitzender Peter Heinrich bei der Vorstellung des Branchenbarometers am 16. Januar in Berlin.

Hidden Champions Miltenyi und GATC
Dazu passte das in der Branche immer wieder zu hörende Bonmot, das Andreas Mietzsch, Herausgeber des Life-Sciences-Nachrichtenmagazins |transkript, den anwesenden Journalisten nicht vorenthalten wollte: “Immer mehr Firmen haben sich der schwarzen Biotechnologie verschrieben”, scherzte er in Anspielung auf die übliche Farbenlehre, in der rot für die medizinische Biotechnologie, weiß für die industrielle und grün für die Pflanzenbiotechnologie steht. Schwarz sei nun diejenige sehr willkommene Kategorie, die sprichwörtlich schwarze Zahlen schreibt. Sie werde erfreulicherweise immer größer, auch wenn das nicht immer so deutlich werde. “Unsere Weltmarktführer wachsen im Verborgenen heran, die Hidden Champions sind Qiagen, Miltenyi und GATC.”

Qiagen gilt als größter deutscher Biotechnologiekonzern und hat mittlerweile die Umsatzmilliarde geknackt, Miltenyi Biotec und GATC sind zwar noch nicht ganz so groß, aber erwirtschaften jedes Jahr einen stetigen Gewinn. Allerdings gibt es im finanziellen Bereich auch Anlass zur Sorge. Im vergangenen Jahr flossen nach Berechnungen von |transkript nur 141 Millionen Euro frisches Kapital in die Branche, ein steiler Abstieg gegenüber den 650 Millionen Euro im Vorjahr. “Der Zustrom ist im vergangenen Jahr versickert”, sagte Mietzsch. Besonders für Unternehmen der roten Biotechnologie, die mit hohem Aufwand Medikamente entwickeln und teilweise erst nach vielen Jahren und einer bis zum Schluss nicht sicheren Zulassung Gewinne einfahren können, ist dieser Rückgang problematisch. Das sei allerdings kein ganz neues Problem, sagte Peter Heinrich und fasste die Zurückhaltung der Investoren eher in evolutionärer Hinsicht auf. “Die deutschen Biotechnologieunternehmen haben sich erstaunlich gut an die Finanzmittelknappheit angepasst.” Immerhin habe Deutschlands Biotechnologie in Europa mittlerweile zum Vereinigten Königreich aufgeschlossen, zum großen Konkurrenten werde nun die Schweiz.

Politische Lage wird schlechter eingeschätzt
Für schlechte Stimmung sorgt in der Branche zudem das politische Umfeld. Der entsprechende Index sank deutlich um drei auf 88 Punkte. Noch nie glaubten so viele Unternehmen, dass sich auch künftig das politische Klima nicht ändern wird. Ebenfalls fielen die Einschätzungen der aktuellen politischen Lage schlechter aus. Der Wert sank auf 94 Punkte (Vorjahr: 97 Punkte). “Den Biotechnologie-Unternehmen ist ihre Rolle als wichtiger technologischer Impulsgeber für die deutsche Industrie bewusst”, sagte Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland. Anscheinend aber nicht der Politik, die konsequent die Notwendigkeit eines innovationsfreundlichen Klimas für den Mittelstand in Deutschland ignoriert.” Bronsema wiederholte die Forderung der Organisation nach der Abschaffung der Mindestbesteuerung und der Anrechnung von steuerlichen Verlustvorträgen.

Dass das politische und auch gesellschaftliche Klima nicht nur atmosphärische, sondern auch ganz konkrete Folgen haben kann, zeigte die jüngste Entscheidung der BASF AG, ihre Pflanzenbiotechnologie zum großen Teil aus Deutschland und Europa abzuziehen und in die USA zu verlegen. 140 Arbeitsplätze werden in den nächsten beiden Jahren abgebaut. “Wir sind davon überzeugt, dass die Pflanzenbiotechnologie eine Schlüsseltechnik für das 21. Jahrhundert ist. Allerdings genießt sie bei Politikern, Landwirten und Konsumenten in weiten Teilen Europas keine Akzeptanz. Daher ist es wirtschaftlich nicht sinnvoll, allein für diese Märkte Produkte zu entwickeln”, sagte Stefan Marcinowski, Vorstandsmitglied der BASF, zur Begründung.

Source: Biotechnologie, Pressemitteilung, 2012-01-17

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