11 Mai 2012

Biotechnologietage 2012:

Farbenfrohes Familientreffen

Auch bei ihrer dritten Auflage nach ihrem Neustart im Jahr 2010 zeigten sich die Deutschen Biotechnologietage wieder als das erwartete Branchentreffen. Rund 600 Akteure aus Politik, Biotech-Clustern sowie Unternehmer trafen sich vom 9. bis 10. Mai in Frankfurt am Main. Die Organisatoren der vom Bundesforschungsministerium unterstützten Veranstaltung, die Aktionslinie Hessen Biotech und der Branchenverband BIO Deutschland, servierten ein umfangreiches Menü an Themen zur roten, weißen und grünen Biotechnologie – von der Standortpolitik, innovativen Kooperationsmodellen bis zu Erstattungsstrategien. Besondere Akzente setzten am Industriestandort Frankfurt Beiträge zur Bioökonomie.

Weg vom Erdöl hin zu biologischen Ressourcen als Rohstoffbasis für die Industrie: Der Trend hin zur Bioökonomie und zu neuen Wertschöpfungsketten beschäftigte die Fachleute bei den Biotechnologietagen mehr als in den vergangenen Jahren. Schließlich gibt es bereits erste Fortschritte auf dem Weg zu diesem Strukturwandel zu verzeichnen: Die effiziente Verwertung von Reststoffen wie Stroh ist etwa das Ziel einer Bioraffinerie-Anlage, die die Süd-Chemie AG noch in diesem Jahr in Betrieb nehmen will (mehr…). Sogar die Wertschöpfungsketten in der chemischen Industrie beginnen sich zu ändern. Holger Zinke, Chef des Biotechnologie-Unternehmens Brain AG, erörterte das Modell der ungewöhnlichen Innovationsallianzen. Kleine und mittelständische Unternehmen arbeiten hier Hand in Hand mit Großkonzernen zusammen, um neue Technologien in Produkte zu verwandeln. Henk van Liempt, Leiter des Referats für Bioökonomie im Bundesforschungsministerium, erläuterte in Frankfurt, wie die Bundesregierung solche Allianzen künftig unterstützen will. So würden Mitte Juni dieses Jahres die ersten strategischen Allianzen im Rahmen der neuen BMBF-Fördermaßnahme “Innovationsinitiative industrielle Biotechnologie” vorgestellt werden (mehr…).

Beton aus Biomasse

Unter anderem wurde eine neue Art von Beton aus Miscanthus diskutiert. Eine solcher ultraleichter Baustoff aus dem Stielblütengras könnte zukünftig helfen, Energie zu sparen. Nicht nur durch eine verbesserte Dämmung, sondern auch durch einen weniger energieaufwendigen Transport. Angesichts dieser Möglichkeiten zeigten sich die Vertreter der industriellen Biotechnologie entsprechend selbstbewusst. “Die Bioökonomie ist eine Notwendigkeit. Sie ist bereits heute real”, sagte Zinke. Die Industrie entdeckt sogar neues Kapital: “Zucker ist die neue Währung”, hieß es in den Podien mit Blick auf die immer stärker aufkommenden Bioraffinerien. Das Thema Kooperationen zwischen groß und klein spielte in mehreren Programmpunkten eine Rolle – auch im Eröffnungspanel, das Martin Siewert, Chef von Sanofi Deutschland, als Hauptredner kontrovers mitgestaltete. Zwar schwor der Pharmamanager seine Kollegen aus der Biotechnologie auf Zusammenarbeit ein (“Wir sind nur gemeinsam stark”). Seine Aussage “Forschen kann jeder, entwickeln können nur wir” erntete dennoch im Publikum einiges Kopfschütteln.

Diskussionen im Schatten der Dinos

Zu einem Highlight geriet der Empfang am Abend des ersten Biotechnologietags im Frankfurter Senckenberg-Museum. Das nach dem Frankfurter Naturforscher und Stifter benannte Haus begeisterte mit seiner Dinosaurierausstellung. Die Giganten der Evolution – ausgeleuchtet in ungewöhnlichen Farben – boten den Rahmen für einen Abend zum Netzwerken und Diskutieren. Der designierte Hessische Wirtschaftsminister Florian Rentsch kündigte in seiner kurzen Ansprache an, die Biotechnologie werde in seiner bevorstehenden Amtszeit eine wichtige Rolle spielen. Früh aufstehen mussten die Teilnehmer tagsdrauf. Erstmals konnten bereits mit dem Morgenkaffee Informationen aufgesaugt werden. Insgesamt einhundert Akteure fanden sich zu den vier gleichzeitig veranstalteten Angeboten Personal/Führung, Internationalisierung, Gründerzentren sowie Finanzierung ein. Nicht erst seit biotechnologie.de bei der Vorstellung der aktuellen Branchenkennzahlen in Frankfurt dramatisch geschrumpfte Kapitalinvestitionen dokumentiert hat, sind deutsche Unternehmer alarmiert und auf der Suche nach neuen Geldquellen (mehr…). Aus Sicht der BIO Deutschland hat Jan Schmidt-Brand, im Hauptberuf Chef von Heidelberg Pharma, zwei Missstände ausgemacht: Nachteilige Regelungen im Steuerrecht sowie höhere Anforderungen an Sicherheiten bei der Kreditvergabe. Für Roman Fleck, Portfoliomanager bei Index Ventures, wäre dies alles kein Hindernis, sich mit dem neuen 150 Millionen Euro umfassenden Fonds trotzdem hierzulande zu engagieren. “In Deutschland gibt es viele sehr gute Ideen”, sagte er. Jedoch will Index den Unternehmensaufbau in engen Grenzen halten: nur ein Wirkstoff pro Team zur Zeit lautet das Motto. Erweist sich das Konzept als nicht tragfähig, werden die Bemühungen schnell abgebrochen und das Team wird auf ein neues Projekt angesetzt.

Ja der Zulassungsbehörden keine Lizenz zum Gelddrucken

Christian Itin hat den Aufbau eines Unternehmens hinter sich und die Micromet Inc. bereits an Amgen verkauft (mehr…). Er widersprach Fleck und hielt dessen Ansatz nicht für neu. Aber auch er begrüßte das frische Geld für die Branche. “Die VC-Finanzierung weist heute starke Brüche auf”, sagte Itin. Einer der Gründe dafür sei, dass sich die Produktzyklen in der medizinischen Biotechnologie von früher zehn auf heute eher 15 Jahre verlängert hätten – mit entsprechend größerem Finanzierungsbedarf. Daher sei es eine sehr große Herausforderung für das Management, eine kontinuierliche Versorgung mit Finanzmitteln sicherzustellen. Selbst für Unternehmen mit weit fortgeschrittenen Medikamenten. “Wir sehen oft, dass Firmen vor der klinischen Phase III höher bewertet sind als kurz vor der Zulassung”, schilderte er. Denn heute sei selbst ein bedingungsloses “Ja” der Behörden keine Lizenz zum Gelddrucken mehr. “Neue Wirkstoffe müssen sich erst am Markt beweisen, bevor ihr kommerzieller Wert wirklich sichtbar wird”, so der Ex-CEO.

Neue Finanzierungsform stellt Patientennutzen in Vordergrund

Bis zu einem verkauften Produkt ist es für Gerald Oertel ein langer Weg. Als Aufsichtsrat der AMD Therapy eG bringt er zusammen mit seinem Vorstand eine neue Finanzierungsform zum Laufen, die helfen will, Therapien für die altersbedingte, trockene Makuladegeneration (AMD) zu entwickeln. Daran beteiligen können sich Patienten, die an der Krankheit leiden und die sich über einen Zeitraum von 15 Jahren manifestiert. Startend mit einer Einlage von 3.000 Euro können sie sich an dem Fonds beteiligen und im Erfolgsfall das eigene Medikament entwickeln helfen. “Hierbei steht nicht die finanzielle, sondern die Patientenrendite im Vordergrund”, so Oertel. Insgesamt soll das Fondsvolumen 60 Mio. Euro betragen. Wie angespannt die Finanzierungssituation in Deutschland tatsächlich ist, zeigte auch die Anmeldungsliste der Biotechnologie-Tage. Dort fand sich bis auf Fleck kein einziger Investor.

Andere sonst selten gesehene Gäste waren in Frankfurt vertreten: Vertreter der Krankenkassen und des IQWiG, dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Der gemeinsame Auftritt der beiden Antagonisten geriet zu einer hochengagierten und kontroversen Podiumsveranstaltung. Der Grund des Streits hat fünf Buchstaben: AMNOG. Das Arzneimittelneuordnungsgesetz trat im vergangenen Jahr in Kraft, seine Auswirkungen zeigt es jedoch erst jetzt. Nach den Regelungen des AMNOG müssen Unternehmen ihre neu zugelassenen Wirkstoffe einer frühen Nutzenbewertung durch das IQWiG unterziehen. Je nach Einordnung – erheblicher, beträchtlicher, geringer, nicht quantifizierbarer oder eben gar kein Zusatznutzen – gehen die Pharmafirmen mit unterschiedlich guten Positionen in die Verhandlungen mit dem gemeinsamen Bundesausschuss G-BA.

Innovationen in der Praxis

Der Parlamentarische Staatssekretär im BMBF, Helge Braun, hob in einer Video-Botschaft die Bedeutung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) als treibende Kräfte für Innovationen in der Biotechnologie hervor. “Wir wollen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in KMU auch weiterhin nachhaltig fördern”, sagte Braun. Praxisbeispiele machten in Frankfurt immer wieder deutlich, wie die Biologisierung traditioneller Branchen voranschreitet. Thomas Reiner vom Lebensmittelzusatz-Spezialisten Christian Hansen betonte, wie gentechnisch hergestellte Enzyme als Hilfsstoffe die Milchprodukte-Herstellung verändert haben und warum sie für verträgliche und gesunde Nahrungsmittel unverzichtbar geworden sind. Michael Lutz von der Konstanzer LifeCodexx AG hingegen berichtete von den erfolgreichen klinischen Tests, die die Gendiagnostikfirma für ihren Pränataltest auf Trisomie 21 durchgeführt hat (mehr…). Im Herbst will LifeCodexx den Test auf den Markt bringen.

Wiedersehen in Stuttgart

Schon jetzt ist klar: Das Thema Bioökonomie wird Frankfurt so schnell nicht mehr loslassen. Vom 18. bis zum 22. Juni wird in der hessischen Metropole die ACHEMA stattfinden, weltweites Forum für die Prozessindustrie und richtungsweisender Technologiegipfel für Chemische Technik. Die beiden Themen Umweltschutz und Biotechnologie werden dabei nicht in einer Halle zusammengefasst sondern werden als allgemeiner Leitgedanke auf allen Bereichen des Messegeländes vertreten sein. Im Kalender markieren können sich die Branchen-Akteure auch schon die Biotechnologietage 2013 – sie werden am 14. und 15. Mai in Stuttgart über die Bühne gehen.

Source: Biotechnoloie, 2012-05-14.

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