15 Mai 2012

Biotech-Kosmetik salonfähig machen

Gentechnik gegen den molekularen Prozess der Hautalterung?

Mit dem Slogan “Inspiriert von der Genforschung” wirbt ein bekannter Kosmetikkonzern für die eigenen Produkte. Viele Forscher belächeln den wachsweichen Slogan als puren Marketinggag. Mit der Brain AG macht sich jetzt ein Biotechnologie-Unternehmen auf, Wissenschaft in die teuren Flakons zu bringen. Den Schritt in das Neuland hat die Firma gut vorbereitet. Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich das Biotechnologie-Unternehmen im hessischen Zwingenberg ein Portfolio an Kosmetik-Unternehmen zugelegt. Nach dem Kauf der Mehrheit an der Monteil Cosmetics International GmbH ist die Wertschöpfungskette nun vollständig. “Wir haben nun Zugriff auf den gesamten Prozess – vom ersten Experiment im Labor bis hin zum Markenprodukt im Regal”, sagt Vorstandschef Holger Zinke.

Jüngster Coup ist die bar bezahlte Beteiligung an Monteil, die das Unternehmen Ende Februar dieses Jahres verkündete. “Monteil ist ein Rohdiamant”, schwärmt Zinke. Zusammen mit dem Verkäufer, der Wilde-Gruppe in Oestrich-Winkel, bildet Brain nun ein Joint-Venture mit klar verteilten Rollen. “Unser Partner bringt die wissenschaftliche Kompetenz mit, wir haben das Marketing Know-how”, analysiert Michael Kalow, Geschäftsführer von Wilde. Die Zeiten der “Chi-chi-Kosmetik” seien vorüber. Die Industrie habe sich in den vergangenen Jahrzehnten mit echten Neuigkeiten schwergetan, so Kalow weiter.

Kosmetikprodukte auf dem neuesten Stand
Noch heute enthielten Cremes als aktive Komponenten etwa Folsäure oder den Cofaktor Q10. “Die wurden aber bereits in den 30er beziehungsweise den 50er Jahren sozusagen erfunden. Der heutige Stand der Wissenschaft schlägt sich in Kosmetik-Produkten nicht nieder”, so Zinke. Die Chance für Brain. “Unser Partner hat den molekularen Prozess der Hautalterung verstanden”, sagt Kalow. So enthalten die Cremes peptidische Wirkstoffe, produziert in den Brain-eigenen Anlagen, die vor zwei Jahren aufgebaut wurden. In den Cremes findet sich unter anderem ein TRPV1-Inhibitor made in Zwingenberg. Er blockiert den Hitze-Capsaicin-Rezeptor, der unter anderem für Hautrötungen verantwortlich ist. So sollen Hautirritationen unterdrückt werden. Das hat Brain bei einem Dienstleister klinisch prüfen lassen. Das wissenschaftliche Phänomen ist seit einiger Zeit bekannt.

Die wahre Kunst steckt in der Formulierung der Creme. Biomoleküle sind sehr empfindlich. Wärme oder schädliche Umweltbedingungen wie etwa ein sich ändernder pH-Wert können sie nutzlos machen. “Es ist nicht trivial, Enzyme in einer Creme stabil zu halten”, bestätigt Zinke. Die Proteine müssten über Jahre in der Formulierung unverändert bleiben und “beim Auftragen auf die Haut natürlich auch wieder freigesetzt werden”, so der CEO. Hier habe Brain nun “einige Hundert Wissenschaftlerjahre Vorsprung” gegenüber der Konkurrenz. Die Hessen haben in den vergangenen Jahren immer wieder neue Kosmetik-Formulierungen ausprobiert. 150 Geschäftspartner, Freunde des Unternehmens und Investoren dienten als “Versuchspersonen”. Das Echo, so ist zu hören, sei positiv gewesen. Brain war zu weiteren Schritten ermutigt.Germaine Monteil ist die Namensgeberin und Erfinderin der Marke Monteil.Lightbox-LinkGermaine Monteil ist die Namensgeberin und Erfinderin der Marke Monteil.Quelle: Brain AG

Vom Aufbau einer Marke
Viel mehr als die Wissenschaft zählt in der Kosmetikbranche aber der schöne Schein, also eine strahlende Marke. Deren Aufbau dauert Jahre und kostet Millionen an Werbegeldern. Brain griff zu einem Trick und entschloss sich zum Einstieg bei Monteil. Zinke hat Hochachtung vor der Marke und ihrer Gründerin. 1898 in Paris geboren, emigrierte sie als Zwanzigjährige in die USA und machte dort Karriere als Modedesignerin – Coco Chanel lässt grüßen. Die Französin gründete 1936 mit ihrem Mann, einem Chemiker, die Kosmetikfirma Germaine Monteil Cosmetiques Corp. in New York. Bis in die 70er Jahre hinein war die Marke eine der großen in den USA mit einem Umsatz von 100 Millionen US-Dollar.

“In heutige Kaufkraft umgerechnet, entspricht das heute etwa einer halben Milliarde Euro”, rechnet der CEO vor. Das Unternehmen Monteil wurde schließlich vom Coty-Konzern übernommen, der 1963 in den Pfizer-Konzern integriert wurde. Das heute weltgrößte Pharmaunternehmen trat seinerzeit noch als Mischkonzern auf. Die Amerikaner setzten jedoch vor allem auf die Marke Lancaster. Das damals ebenbürtige Label Monteil geriet ins Hintertreffen. 1992 kaufte schließlich die deutsche Milliardärsfamilie Benckiser die Coty-Sparte einschließlich Monteil. Die Monteil Cosmetics International GmbH wurde 2006 an Wilde weitergereicht. Heute sitzt “Monteil Paris” in der Rheingaustraße 19a in Oestrich-Winkel. Zudem existiert eine Tochtergesellschaft in der französischen Hauptstadt.

Brain hofft darauf, dass sich der schöne Schein und die wissenschaftliche Expertise verbinden lassen. Aber Gentechnik auf der Haut? Flüchten da nicht die Kunden? “Nein!”, widerspricht Wilde-Geschäftsführer Kalow. Die Vokabel Biotechnologie sei heute in den Köpfen der Verbraucher verankert. Ähnlich wie in der Medizin werde der Begriff aber mit Technologie und Nutzen assoziiert und nicht mit Gefahr wie in der Nahrungsmittelindustrie.

Das bestätigt auch Martin Ruppmann, Geschäftsführer des Kosmetikverbandes VKE: “Fundiert dargestellte Qualitäts- und Nutzenversprechen sind ein starkes Verkaufsargument für Kosmetika.” Das Image von Produkten definiere sich durch deren Qualität und die Strahlkraft ihrer Marke. “Monteil ist eine hervorragende, edle Marke im High-end-Bereich”, so der Verbandsgeschäftsführer. Die neuen Vermarktungsanstrengungen hat er bereits bemerkt. “Die geben richtig Gas!” Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich die wissenschaftlich getriebene Brain im Schönheitsmarkt schlagen wird.

Source: Biotechnologie.de, 2012-05-15.

Supplier

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email