23 November 2011

Bioplastik: Aus der Nische in den Massenmarkt

Kunststoffproduktion 2010 lag bei weltweit 265 Millionen Tonnen, schätzt europäischer Branchenverband PlasticsEurope

Aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellter Kunststoff schickt sich an, seine Nische zu verlassen. Vor allem Premiumhersteller verpacken ihre Produkte inzwischen mit Bioplastik, bei dem nicht mehr Erdöl, sondern Mais oder Zuckerrohr als Ausgangsstoff dient. Bei einer Fachkonferenz in Berlin sprachen mehr als 450 internationale Experten über Themen wie Nachhaltigkeit und Wiederverwendbarkeit der grünen Kunststoffprodukte.

Aus dem Alltag ist Plastik kaum wegzudenken: Das geht schon morgens beim Griff zur Zahnbürste los. Im Auto zur Arbeit fahren? Ohne Kunststoff undenkbar. Die vielen kleinen und großen Helferlein am Arbeitsplatz – vom Kugelschreiber bis zum Computer – enthalten zumeist auch Plastik. Und der gemütliche Fernsehabend mit einer Tüte Chips fiele ohne Kunststoffe wohl auch flach.

Firmen rüsten sich für Zeit nach dem Öl
Kaum verwunderlich, dass der Bedarf an dem Werkstoff riesig ist – allein in Europa verbraucht jeder Einzelne im Jahr deutlich mehr als 100 Kilogramm. Die Weltjahresproduktion 2010 lag bei unvorstellbaren 265 Millionen Tonnen Plastik, schätzt der europäische Branchenverband PlasticsEurope. Das Problem: Als Ausgangsstoff für die Produktion dient in der Regel Erdöl. Dessen Vorräte sind jedoch begrenzt. Hinzukommt insbesondere auch in Deutschland ein immer weiter erstarkendes Umweltbewusstsein und damit einhergehend die wiederholte politische Forderung nach einem nachhaltigen Wirtschaften. Um sich für die Zeit nach dem Öl zu rüsten, sind also Ideen gefragt. Dabei ruhen große Hoffnungen auf biologischen Ressourcen und der Biotechnologie (mehr…).

Erst im November vergangenen Jahres verkündete die Bundesregierung die “Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030″ (mehr…). Damit ist Deutschland weltweit Vorreiter. In den kommenden sechs Jahren sollen mit 2,4 Milliarden Euro entscheidende Weichen gestellt werden, um die Bundesrepublik zu einer nachhaltigen, bio-basierten Wirtschaft zu entwickeln. Bei Kunststoffen scheint die Strategie klar: Statt weiterhin auf Erdöl zu setzen, suchen sich die Firmen nachwachsende Rohstoffquellen: Polyethylen aus Zuckerrohr, Polymilchsäure aus Mais sind nur zwei der Beispiele, die am 22. und 23. November auf der “6. European Bioplastics Conference” vorgestellt wurden. Mehr als 450 Experten aus aller Welt diskutierten in Berlin unter anderem über die Nachhaltigkeit und die Verwertung der grünen Kunststoffe. “Die Umwelt ist ein großes Thema – und es wird nicht mehr von der Agenda verschwinden”, sagte Andy Sweetman, der Vorsitzende von European Bioplastics, auf der Konferenz. Er sollte recht behalten, zogen sich Schlagworte wie Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und Ökobilanz wie ein roter Faden durch die Veranstaltung.

Neue Kunststoffe nicht ganz unumstritten
In den vergangenen Jahren hat der Einsatz von Bioplastik beständig zugenommen: Von 180.000 Tonnen im Jahr 2008 auf 724.000 Tonnen im Jahr 2010. In den kommenden Jahren dürfte die Millionen-Tonnen-Grenze fallen, schätzt der Branchenverband European Bioplastics. Im Jahr 2015 sollen weltweit 1,7 Millionen Tonnen Bioplastik produziert werden. Gerade in den vergangenen Monaten hat sich das geändert. Mit Danone wirbt seit April 2011 ein großer Nahrungsmittelskonzern für seine in Bioplastik verpackten Produkte – mit dem Segen der Naturschützer vom WWF. Der neue Becher für Joghurt der Marke Activia besteht aus Polymilchsäure (PLA), einem Polymer, dessen Grundbaustein aus Mais gewonnen wird. “Ein Material, das vor allem aus Sonnenlicht, CO2 und Wasser hergestellt wird, ist wegweisend”, rechtfertigte Eberhard Brandes, Vorstand des WWF Deutschland, das Plazet seiner Organisation.

Gänzlich unumstritten sind die neuen Verpackungen indes nicht. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hatte heftig kritisiert, dass der Konzern seine neue Verpackung als “umweltfreundlicher” bewarb – obwohl ein Vergleich der Ökobilanzen von neuer und herkömmlicher Verpackung ein insgesamt nur ausgewogenes Verhältnis zeige. Im August 2011 ging die Sache vor Gericht, am 15. November einigten sich die Parteien doch noch gütlich: Danone wird den Werbeaufdruck auf den Bechern ändern, alte Packungen dürfen bis zum Jahresende verkauft werden. “In erster Linie war das ein Kommunikationsproblem”, sagte nun Martin Lichtl. Der Gründer der Werbeagentur .lichtl Ethics & Brands beriet Danone bei der Vorbereitung des Markenauftritts. An den grundsätzlichen Fakten ändere sich nichts, so Lichtl: Werde das gesamte “Leben” eines Bechers, vom Öl- bzw. Maisfeld bis zur Mülldeponie oder Recyclinganlage bilanziert, so spare der Biobecher 25 Prozent des Klimagases CO2 und verbrauche 43 Prozent weniger fossile Resourcen.

Bernhard Bauske vom World Wide Fund for Nature (WWF), dessen Organisation Danone bei der Entwicklung des neuen Bechers beraten hatte, kann die DUH-Kritik so nicht nachvollziehen: “Die DUH konzentriert sich allein auf die Ökobilanz” Das sei jedoch nicht ausreichend, so der Leiter Strategische Unternehmenskooperationen beim WWF. Vielmehr müsste auch berücksichtigt werden, welche Potentiale der PLA-Becher in Zukunft noch bieten könnte. Bei genügender Verbreitung des neuen Materials ließe sich ein geschlossener Stoffkreislauf einrichten, bei dem PLA-Becher vollständig stofflich wiederverwendet werden können. “Damit sich ein solcher Kreislauf lohnt, brauchen wir 18.000 Tonnen PLA-Müll im Jahr”, so der Deutschland-Chef von Danone, Andreas Ostermayr, im September in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit (mehr…). Momentan seien es pro Jahr ungefähr 4.000 Tonnen – noch zu wenig also. Erst wenn andere Lebensmittelfirmen auch auf die neue Verpackung umschwenken, würde das PLA nicht mehr wie bisher gemeinsam mit den anderen Plastikarten verbrannt.

Die Bioplastik-Branche selbst scheint indes davon überzeugt zu sein, in Danone einen mächtigen Verbündeten gefunden zu haben. Auf der Konferenz wurde der deutsche Zweig des internationalen Konzerns, die Danone GmbH, mit dem Bioplastics Award ausgezeichnet. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass das Unternehmen “maßgeblich dazu beigetragen hat, Biokunststoffe weg von der Nische hin zur Massenproduktanwendung zu etablieren.”

Source: biotechnologie.de, 2011-11-23.

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