16 Oktober 2008

Biokunststoffe im Visier der Kritik

Umstrittene Ökobilanzen, noch fehlende Entsorgungskonzepte und Lebensmittelkonkurrenz belasten weiterhin das Image der Biokunststoffe

Die Kritik an den Biokunststoffen reißt nicht ab. Obwohl den Vorwürfen des Guardian vor ein paar Monaten deutlich begegnet wurde, kommt in regelmäßigen Abständen immer wieder Kritik auf. Nun reiht sich auch die deutsche Tageszeitung “Die Welt” in diesen Reigen ein und kritisiert unter Berufung auf das Umweltbundesamt fehlende Ökobilanzen und Entsorgungsprobleme.

Nokia Evolve 3110. © Nokia
Nokia Evolve 3110. © Nokia

Ziel der Kritik der Zeitung sind in erster Linie Handyhersteller, die in den letzten Monaten vermehrt Meldungen zu neuen Handys mit Biokunststoffgehäusen veröffentlichen. So stellen sie das “angeblich umweltfreundlichste Handy der Welt”, das Nokia Evolve 3110, in den Vordergrund und verweisen auch auf das Samsung E200 Eco, Fujitsu-Laptops und Forschungen von Motorola, NEC, Siemens und Sony-Ericsson im Bereich der Biokunststoffnutzung.

Fehlende Ökobilanzen
“Wir stehen den Biokunststoffen bisher skeptisch bis ablehnend gegenüber”, sagte Wolfgang Beier vom Umweltbundesamt gegenüber der “Welt”. Bisher habe niemand eine einwandfreie Ökobilanz vorgelegt, die allen Anforderungen und Normen genüge. Eine solche Bilanz belegt, wie viel CO2 bei allen Produktionsschritten in die Atmosphäre entlassen wurde. Behauptungen, durch Biokunststoffe ließe sich CO2 einsparen, betrachtet der Umweltexperte daher als Schönrechnerei. Nicht einberechnet seien Bewässerung, Anwendung von Pestiziden, Düngung und Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen und Transport beim Intensivanbau der Rohstoffpflanzen.

Energieintensive Herstellung
Die Herstellung des Materials ist nach Angaben der Welt jedoch noch problematischer. Nach ihren Angaben gründete Siemens zusammen mit BASF und Partnern aus der Biotechbranche das Projekt BioFun, um herauszufinden, wie sich Bioplastik in der Elektronikindustrie einsetzen ließe. “Das größte Problem ist die Fermentierung von Zucker oder Stärke durch spezielle Bakterien zu Kunststoff, dabei brauchen wir noch zuviel Energie”, sagte der Projektleiter Reinhard Kleinert der Zeitung. Dieser Prozess benötigt Strom und Dampf und deren Erzeugung zieht fast zwangsläufig Emissionen nach sich. Rein rechnerisch wären Einsparungen von CO2 möglich, allerdings nur wenn mit Ökostrom gerechnet würde.

Entsorgungsprobleme
Entsorgungsprobleme standen schon mehrfach in der Kritik, vor allem in der Darstellung des Guardian vom Mai des Jahres. Auch der bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. schloss sich dieser Kritik an und stellte heraus, dass Biokunststoffe nur über Verbrennung sinnvoll entsorgt werden können; Recyclingkonzepte existieren bislang nicht und die Kompostierung ist meistens nur unter besonderen Bedingungen möglich. Selbst nach langen Zeiträumen zersetzen sich diese Kunststoffe kaum. Leider gelte dies nicht nur bei der Eigenkompostierung umweltbewusster Bürgerinnen und Bürger, sondern auch bei anderen professionellen Verfahren, wie beispielsweise den Biogas-Anlagen. Auch in diesen Anlagen würden sich die Biokunststoffe nicht zersetzen.

Zudem stehen Nachwachsende Rohstoffe aktuell durch die “Teller-und-Tank”-Diskussion pauschal in der Kritik, die sich auch auf Biokunststoffe ausdehnen könnte. Technische Barrieren stellen weitere Hürden dar: “Ölbasierte Kunststoffe sind den biologischen Alternativen noch qualitativ überlegen und vielseitiger in der Anwendung,” stellte Ulrich Reifenhäuser, Geschäftsführer der Reifenhäuser & Co. KG Maschinenfabrik gegenüber dem Handelsblatt dar. Zudem reagiere der Markt für Kunststoffe sehr träge, da brauche es einige Jahre, bis Neuentwicklungen eine Marktreife erreichen.

“Wir versuchen, einen Beitrag zur Rettung der Erde zu leisten, und werden weiter, wo immer es möglich ist, auf Bioplastik setzen” heißt es als Antwort von Samsung gegenüber der “Welt”. Auch Reifenhäuser ist optimistisch: “Der Markt befindet sich noch in der Eröffnungsphase, die Branche erwartet in den nächsten Jahren deutliche Wachstumsraten.”

Weitere Informationen:

Source: Die Welt, 2008-10-13, Handelsblatt, 2008-10-15.

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