6 Juni 2005

Biokonversion: Wie Ingenieure und Wissenschaft von der Natur lernen

Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, Treibhauseffekt durch Kohlendioxid oder Müll-Entsorgungsprobleme – dies alles wird kaum noch Thema sein, wenn “wir der Natur ihre guten Ideen abluchsen und sie gemeinsam mit Ingenieuren umsetzen”, so die Vision von Prof. Dr. Garabed Antranikian.

Der Biotechnologe forscht an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) mit jenen Mikroorganismen, mit denen die Natur schon lange versteht, (Abfall-)Rohstoffe und Energie optimal zu nutzen. ”Sie sind optimale Mitstreiter, damit wir in Zukunft Wirkstoffe, Materialien und Brennstoffe ohne Abfall aus nachwachsenden Rohstoffen herstellen können”, erklärt der Professor. So genannte Extremophile gelten als besonders robust: Sie überleben hohe Salzkonzentrationen, extreme Temperaturen von minus fünf bis plus 113 Grad Celsius, vertragen Schwefel oder zersetzen toxische Lösemittel.

Derzeit sucht der Forscher mit seinem Team im Labor die idealen Biokatalysatoren unter Millionen von Mikroorganismen: ”Einige geeignete Helfer haben wir bereits entdeckt, doch weltweit sind noch 98 Prozent dieser genialen Helfer unbekannt”, weiß Antranikian. Vom Herbst dieses Jahres an sollen neu konstruierte Roboter diese Suche, das so genannte Screening, enorm verkürzen.

”In fünf bis zehn Jahren werden wir auch in Deutschland Energie und Chemikalien für neue Stoffe in Bio-Raffinerien erzeugen”, verweist der Wissenschaftler auf die USA, wo zum Beispiel Ethanol in mittlerweile 90 Anlagen erzeugt wird. Und in Japan werden schon die ersten T-Shirts aus Maisfasern getragen.

”Die Systeme sind aber noch nicht effektiv”, meint Antranikian. ”Wir brauchen noch geeignetere Mikroorganismen, die in den Bio-Raffinerien aus Holz- und anderen Pflanzenresten zunächst einmal Brennstoff herstellen. Aus den anfallenden Resten könnten dann Chemikalien, wie Polymere für Stoffe, gewonnen werden. Und wenn dann noch etwas übrigbleibt, könnte das Baustoffen zugeschlagen werden. Doch in Deutschland stehen wir noch am Anfang.”

Hier aber ist der Markt der Zukunft zu suchen. Der so genannten weißen Biotechnologie, mit deren Hilfe momentan chemische Erzeugnisse im Wert von ca. 32 Milliarden Euro produziert werden, sagt die Unternehmensberatung McKinsey bis 2010 bereits knapp zehnfache Erträge im Wert von 300 Milliarden Euro voraus.

Um jedoch dieses gewaltige Potenzial nutzen zu können, müssen Naturwissenschaftler und Ingenieure übergreifend zusammen wirken. ”Denn wir brauchen nicht nur robuste Mitstreiter, also Mikroorganismen”, sagt Antranikian, ”wir brauchen auch neue Technologien und Innovationen.”

(Vgl. Meldungen vom 2005-03-09, 2004-03-30 und 2003-02-07.)

Source: Hamburger Abendblatt vom 2005-06-02.

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