2 März 2006

Biokatalyse im Aufwind: TU Harburg avanciert zur Enzym-Agentur

Umweltpreis-Träger Professor Garabed Antranikian Pionier der "weißen Biotechnologie"

Mikroorganismen sind hart im Nehmen: Einige leben in heißen Quellen, bei Temperaturen von 100 Grad, andere sind auf minus zehn Grad eingerichtet, trotzen stark sauren oder basischen Milieus.

Diese sogenannten Extremophilen gelten als die “Nutztierchen” der Zukunft, denn sie überstehen die oftmals unwirtlichen Bedingungen in chemischen Reaktoren und lassen sich als Biokatalysatoren (Enzyme) vielfältig in technische Prozesse integrieren. Oftmals profitiert die Umwelt davon. Denn die Winzlinge können zum Beispiel aggressive Chemikalien ersetzen oder nachwachsende Rohstoffe nutzbar machen.

Ein internationaler Spitzenforscher auf diesem Gebiet der “weißen Biotechnologie” arbeitet seit 1989 an der Technischen Universität (TU) Hamburg-Harburg, der Mikrobiologe Prof. Garabed Antranikian. Für seine wissenschaftliche Arbeit und dem Engagement, diese für Unternehmen nutzbar zu machen, erhielt der 54-jährige 2004 als einer von zwei Preisträgern den Deutschen Umweltpreis zugesprochen.

Der aus Armenien stammende Wissenschaftler fahndet weltweit nach Winzlingen mit Eigenschaften, die sich technisch nutzen lassen. Wer vor Ort ein gewisses Potential offenbart, reist mit ihm im Probenbehälter nach Harburg. Millionen von Mikroorganismen absolvieren in den TU-Laboren eingehende Eignungstests.

Zunächst müssen sie sich in Menschenhand redlich vermehren. Anschließend gilt es, Einsatzmöglichkeiten zu entwickeln in der Kosmetik- oder Textilindustrie, für Prozesse der Arzneimittel- oder Papierherstellung, in Reinigungsmitteln oder zur Produktion von Brennstoffen aus Pflanzenresten.

Etwa 3.000 Enzyme sind bislang bekannt, etwa 130 werden bereits industriell eingesetzt. “Es ist wichtig, daß die Umsetzung zum Markt schneller geht”, sagt Antranikian. Er knüpft deshalb seit einigen Jahren ein Netzwerk, das Forschungseinrichtungen der weißen Biotechnologie und potenzielle Anwender aus der Wirtschaft zusammenbringt.

Im Jahr 2002 entstand in Harburg dank einer Förderung durch die DBU das “InnovationsCentrum Biokatalyse”, kurz ICBio. Es dokumentiert deutschlandweit Forschungsergebnisse von der Suche (Screening) nach geeigneten Organismen, über deren Nutzbarmachung bis zum konkreten Einsatz in Prozessen.

Doch Antranikian und sein Team begnügen sich nicht mit einer Datenbank, sie wollen eine Probenbank mit lebenden Organismen: “Wir sind dabei, eine Sammlung aufzubauen”, erzählt der Inhaber von mehr als 100 Patenten.

“Die Biokatalysatoren sollen katalogisiert und Forschungseinrichtungen oder Unternehmen verfügbar gemacht werden. Dazu werden wir mit verschiedenen Universitäten Verträge abschließen. Sie geben ihre Biokatalysatoren in unsere Sammlung, und wenn diese verkauft werden, profitiert die jeweilige Uni davon. Wir werden also quasi Makler für die Enzyme.”

Aber natürlich will sich der umtriebige Forscher nicht auf das Einsammeln von Extremophilen aus anderen Hochschulen beschränken, sondern auch weiterhin auf die Jagd nach den vielseitigen Winzlingen gehen. Derzeit ist eine Reise zu heißen Quellen in Chile geplant, gefolgt von einer Tiefsee-Expedition vor Japan.

Denn Antranikian ist davon überzeugt, daß er und die internationale Wissenschaftler-Gemeinde erst die Spitze des Eisbergs entdeckt haben. Er schätzt, dass noch um die 98 Prozent der genialen Helfer auf ihre Entdeckung warten.

(Vgl. Meldungen vom 2005-06-06 und 2004-03-30.)

Source: Hamburger Abendblatt vom 2006-03-01.

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