20 April 2006

Biogas entwickelt sich zur gefragten Energiequelle

Traditionelle Gaswirtschaft entdeckt den neuen Markt

Unerwartet habe ihn die Einladung von Kanzlerin Angela Merkel zum Energiegipfel Anfang April erreicht, sagt Ulrich Schmack, Vorstand und Gründer von Schmack Biogas. Denn in der Runde saßen auch die Vertreter von vier Stromkonzernen mit milliardenschweren Umsätzen. Selbst der Solarenergiekonzern Solarworld und der Windturbinenhersteller Enercon, deren Vorstandschefs ebenfalls eingeladen waren, weisen mit 350 Mio. € beziehungsweise rund 1,2 Mrd. € weitaus höhere Umsätze auf als Schmack Biogas mit 30 Mio. €, der bundesweit größte Hersteller von Biogasanlagen.

“Dass wir beim Energiegipfel dabei waren, zeigt, welche Bedeutung die Politik der Bioenergie und insbesondere dem Energieträger Biogas zumisst”, sagt Schmack.

Das Selbstbewusstsein des Herstellers kommt nicht von ungefähr: Galt Biogas jahrelang als stinkende und unappetitliche Energiequelle, so hat sich dieses Image in den vergangenen Monaten stark geändert. Die Biogasbranche ist zusammen mit dem Fotovoltaiksektor hier zu Lande der Wachstumszweig unter den erneuerbaren Energien.

Das zeigen auch die aktuellen statistischen Daten des Fachverbandes Biogas. Danach sind im vergangenen Jahr über 700 neue Biokraftwerke mit einer Leistung von rund 250 Megawatt (MW) ans Netz gegangen, womit sich bundesweit die elektrische Gesamtleistung auf etwa 650 MW erhöht hat.

Entsprechend erhöhte sich der Beitrag zur Stromproduktion: Waren es 2004 gut 1,4 Milliarden Kilowattstunden (kWh), so kamen 2005 schon 3,2 Mrd. kWh zusammen. Dabei wird es nicht bleiben. “Wir erwarten für dieses Jahr erneut, sowohl bei der Anlagenzahl als auch bei der installierten Leistung, ein Wachstum von mindestens 50 Prozent”, sagt Fachverbands-Geschäftsführer Claudius da Costa Gomez. Bis 2020 erwartet die Branche 15.000 MW installierter Kraftwerksleistung in Biogasanlagen. (Vgl. Meldungen vom 2006-04-07 und 2006-02-06.)

Der Grund dafür lässt sich in sieben Buchstaben fassen: “Nawaros”, die Abkürzung für nachwachsende Rohstoffe. Dazu zählen Maissilage, Raps, Getreide oder Grünschnitt. Seit der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) in 2004 wird der Einsatz der Nawaros bei der Vergärung besser vergütet. Bei Anlagen bis zu 500 Kilowatt Leistung gibt es einen Bonus von 6 Cent je kWh. (Vgl. Meldung vom 2004-12-14.)

Bis zur EEG-Novellierung dominierten so genannte Abfallanlagen die Branche, in der meist Gülle mit Resten aus der Lebensmittelbranche vergoren wurde – daher hatte Biogas ein Stinker-Image. Mittlerweile laufen nach Hersteller-Angaben “so gut wie alle” neuen Anlagen mit Nawaros. Mit dem Anbau von Energiemais verdienen viele Landwirte mittlerweile mehr als etwa mit dem Weizenanbau.

Das weiß auch Umweltminister Sigmar Gabriel, der auf einen anhaltenden Aufschwung der Biogasnutzung setzt. Mitte Januar stellte er eine Potenzialstudie über den Ausbau erneuerbarer Energien bis 2020 vor. Darin avancierte die Biomasse nach der Windkraft zur zweitwichtigsten Quelle regenerativer Energien. Ende der zweiten Dekade sollen 17 Prozent des Ökostroms aus Biomasseanlagen stammen, allen voran aus Biogaskraftwerken. (Vgl. BMU-Pressemeldung vom 2006-01-16.)

Das Interesse der Banken ist erwacht. “Für uns ist die Biogasbranche ein strategisches Wachstumsfeld”, sagt Gerhard Falkenstein, Fachbereichsleiter Innovative Technologieunternehmen der Deutschen Kreditbank (DKB). Die Bank habe allein im vergangenen Jahr etwa 50 Projekte finanziert. Diesen Trend wird das Haus nach Angaben von Falkenstein fortsetzen.

Die Branche profitiert zudem von einem umfangreichen Zuliefererangebot. “Bei allen Komponenten können die Hersteller auf ein großes Angebot zurückgreifen”, sagt Hans-Jürgen Schnell, Chef der Schnell Zündstrahlmotoren.

Davon profitieren auch Einsteiger der Biogasbranche: Zunehmend entdecken traditionelle Gasversorger und Stadtwerke das Erdgas vom Acker. Erste Unternehmen wie der Oldenburger Regionalversorger EWE oder die Stadtwerke Aachen betreiben Biokraftwerke oder haben mit dem Bau begonnen. (Vgl. Meldung vom 2005-11-09.)

Solche Vorreiter werden nicht lange allein bleiben. Denn die Gaswirtschaft hat ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Biogas abgelegt. Dazu hat eine Studie des Bundesverbandes der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW) beigetragen. Danach kann Biogas bis 2030 rund zehn Prozent des heutigen Erdgasbedarfs ersetzen, das entspricht immerhin jährlich 100 Mrd. kWh. (Vgl. Meldung vom 2006-01-16.)

“Bei solchen Zahlen sprechen wir nicht mehr über Peanuts. Biomethan wird sich künftig nicht mehr in Nischen bewegen, sondern zu einem wichtigen Segment mit einem bemerkenswerten Marktanteil wachsen”, sagt Klaus-Robert Kabelitz, Bereichsleiter Volkswirtschaft und Energiewirtschaft bei Eon Ruhrgas. Europas größter Erdgasimporteur ist mittlerweile in das Biogasgeschäft eingestiegen.

Biomethan könnte in den kommenden Jahren teilweise die rückläufige deutsche Erdgasförderung kompensieren. Noch dieses Jahr will Eon sich an zwei Biogasanlagen in Ostdeutschland beteiligen, zudem prüft der Konzern den Bau einer eigenen Großanlage. “Wir haben eine gewisse Pilotfunktion. Wenn wir erfolgreich sind, gehe ich davon aus, dass andere Unternehmen folgen werden”, sagt Kabelitz.

(Vgl. Meldungen vom 2006-02-10, 2006-04-12 und 2005-12-21.)

Source: Financial Times Deutschland vom 2006-04-18.

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