1 Mai 2011

Bio-Kunststoffe im Überblick

Auch kritische Stimmen sind zu berücksichtigen

Die Welt ist abhängig vom Kunststoff – mit fatalen Folgen: Plastikmüll verschmutzt die Meere, der hohe Ölpreis verteuert die Herstellung. Forscher fahnden deshalb nach Alternativen auf Pflanzenbasis. Die ersten Ergebnisse fallen ernüchternd aus.

Plastikzeitalter. So werden in ferner Zukunft Historiker vielleicht unsere Gegenwart nennen. Denn Plastik ist in der Welt von heute allgegenwärtig. Mehr als 230 Millionen Tonnen Kunststoff werden nach Angaben von Branchenverbänden weltweit pro Jahr produziert – Tendenz steigend.

Mit gravierenden Folgen: Plastikabfall füllt die Mülldeponien. In kleinste Teilchen zerrieben und zerfasert verschmutzt Plastik auch die Meere – ein ökologischer Alptraum. Daraus freigesetzte Giftstoffe schädigen Meeresorganismen; Seevögel verenden, weil sie kleinste Teilchen verschlucken.
Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wissen um das Problem. Doch so schnell wird man die Welt nicht vom Plastikrausch entwöhnen können. Immerhin: Recycling hilft wenigstens, die neu produzierten Mengen zu drosseln. Doch auf absehbare Zeit wird das die Probleme nicht lösen.

Forscher fahnden deshalb nach alternativen Kunststoffen. Zwei Ziele sind maßgeblich, gesucht wird

  • Plastik, das nicht auf Rohöl basiert, sondern auf nachwachsenden Rohstoffen oder Abfällen
  • Plastik, das biologisch abbaubar ist

Forscher gehen bei der Suche ungewöhnliche Wege und nutzen exotische Ressourcen, Hühnerfedern zum Beispiel. Auf einer Chemikertagung in den USA überraschten Wissenschaftlergruppen auch mit Bioplastik auf Basis von Tiermehl. Beides sind Nebenprodukte der Fleischproduktion. 1,35 Milliarden Kilogramm Federn und vier Milliarden Kilogramm Tiermehl fallen jährlich allein in den USA an und werden größtenteils direkt entsorgt.

Tierabfall als Basis für Kunststoff – das löst zumindest ein Problem: Öl als wichtigster Inhalt der Plastikproduktion verliert an Bedeutung. Das wäre ein entscheidender Faktor, zumal der Ölpreis stetig steigt und die Herstellung immer teurer wird. Ob Konsumenten Plastik aus Tiermehl als ökologischen Gewinn sehen, ist allerdings fraglich.

Größere Bedeutung haben Pflanzen als alternativer Rohstoff: Zuckerrohr, Mais und Holz beispielsweise. Einige Produkte sind in Europa bereit auf dem Markt, aber Biokunststoffe sind bislang Nischenprodukte. Der Marktanteil liegt laut dem Branchenverband “European Bioplastics” unter einem Prozent.

Plastik-Mehrweg contra Bio-Einweg
Hinzu kommt: Nur weil Bioplastik auf nachwachsenden Rohstoffen basiert, ist es nicht automatisch umweltfreundlicher – auch der Biosprit E10 wird energie- und umweltpolitisch in Frage gestellt. Forscher der University of Pittsburgh haben sieben auf Öl basierende Kunststoffe, vier Sorten Bioplastik und einen Hybridkunststoff miteinander verglichen. Die US-Wissenschaftler berechneten, welche Umweltbelastungen die Produktion der Kunststoffe mit sich brachte. Die Biokunststoffe schnitten dabei schlechter ab – wegen des Einsatzes von Düngemitteln und Pestiziden beim Anbau, der Größe der benötigten landwirtschaftlichen Flächen sowie der giftigen Substanzen, die bei der Produktion verwendet wurden, wie die Forscher im Fachmagazin “Environmental Science & Technology” berichten.

Auch ermittelten die Forscher, wie gut die Kunststoffe abschnitten, wenn sie die Maßstäbe des “Green Design” anlegten. Sie prüften also, wie hoch der Anteil an nachwachsenden Rohstoffen in den Materialien war, ob lokal vorhandene Ressourcen genutzt wurden, welcher Anteil recycelt wurde und ähnliches. Hier lagen die Biokunststoffe immerhin deutlich vorn. Insgesamt war das Ergebnis also durchwachsen.

Auch in Deutschland gibt es kritische Stimmen zu Biokunststoffen. In drei Stadien der Fußballbundesliga – Köln, Frankfurt und Hoffenheim – werden Getränke in Einwegbechern aus Polymilchsäure (PLA) ausgeschenkt, die auf Maisstärke basiert. In vielen anderen Stadien existieren dagegen Mehrwegsysteme. Die Bioplastikbecher werden als biologisch abbaubar, problemlos zu kompostieren und CO2-neutral angepriesen – also als rundum umweltfreundlich.

Das sei eine Luftnummer, beklagt die Deutsche Umwelthilfe (DUH). PLA lässt sich nur industriell bei sehr hohen Temperaturen kompostieren, erklärt Thomas Fischer von der DUH. Dabei entstehen Wasser und Kohlendioxid. “Es ist sinnvoller, das PLA zu verbrennen und die dabei entstehende Wärmeenergie zu nutzen”, sagt der Experte. Was auch passiert. In Fußballstadien ausgegebene Bioplastikbecher werden nicht gesondert gesammelt, sondern mit dem Restmüll verbrannt.

Viele Kommunen würden die Entsorgung von PLA in der Biotonne sogar verbieten, erklärt die DUH. Der Hinweis auf die Kompostierbarkeit gaukele dem Verbraucher etwas vor. Der Verband betont dagegen den Nutzen von Mehrwegverpackungen. So werde beispielsweise ein Mehrwegbecher im Bremer Weserstadion durchschnittlich 217 Mal für den Getränkeausschank verwendet.

Ökobilanz: Bisher ein Patt
Aus Polymilchsäure besteht auch ein Joghurtbecher den Danone kürzlich präsentiert hat – zusammen mit der Umweltschutzorganisation WWF. Ziel sei es, fossile Ressourcen zu schonen und den Ausstoß an Treibhausgasen zu reduzieren, erklärte der WWF. Die Organisation präsentiert in ihrer Pressemitteilung zwei positive Zahlen, die das Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung ermittelt hat: Für den neuen Becher würden 43 Prozent weniger fossile Rohstoffe benötigt. Seine Klimabilanz sei um 25 Prozent besser als die einer herkömmlichen Verpackung aus Polystyrol auf Erdölbasis.

In anderen Kategorien schneidet PLA jedoch schlechter ab, weil durch den Maisanbau Gewässer überdüngt werden und Böden versauern. “Polystyrol ist ein Kunststoff mit einer vergleichsweise schlechten Ökobilanz”, sagt DUH-Mann Thomas Fischer. Daher sei der Vergleich zwischen den zwei Kunststoffen wie der zwischen einem Lastwagen mit einem Panzer – wobei das Ziel ein Kleinwagen sein müsste.

“Bei der Gesamtschau über alle Parameter besteht bei der Ökobilanz derzeit ein Patt”, gibt Bernhard Bauske vom WWF zu. “Aber es besteht Potential, sie zu verbessern.” Langfristig sei der Umstieg auf Biokunststoffe aus Sicht des WWF die nachhaltigere Lösung. Allerdings müsste man genau im Blick halten, welche Vorteile für die Umwelt gewonnen werden und wie man Nachteile verringern kann.
Konkret wird für die PLA-Produktion zurzeit nur Mais genutzt, mittelfristig sollen jedoch Pflanzenreste verarbeitet werden, sagt Bauske. Und: Wenn genug PLA auf dem Markt sei, könne es aussortiert und chemisch recycelt werden. Dabei wird der Kunststoff in seine Bestandteile aufgespalten, die dann wieder zu neuen Verpackungen verarbeitet werden können. Die Schwelle, ab der ein solches Recycling eingerichtet werden kann, ist durch den neuen Danone-Becher allerdings nicht erreicht. Dafür müsste etwa sechsmal so viel PLA im Umlauf sein wie jetzt, rechnet der WWF vor. Sobald ein solches Recyclingsystem steht, würde der Rohstoffbedarf sinken – man benötigt ja weniger neue Polymilchsäure.

Bis solche Systeme etabliert sind, ist Bioplastik allerdings längst nicht so grün, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Source: Spiegel Online, 2011-05-01.

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