6 Februar 2006

Baumwolle 2006: Experten prognostizieren sinkende Produktionen und steigende Preise

Wenn die Baumwollpreise einmal richtig in Bewegung geraten, stellen sie häufig alle gängigen Preisvorstellungen in den Schatten. Und so kann es auch jetzt wieder sein. In New York, wo die Faser auf Termin gehandelt wird, hat Anfang Dezember ein Aufschwung eingesetzt, der nach dem Urteil mancher Analysten den Beginn einer langen, ausgedehnten Hausse markieren könnte.

Baumwolle wird in naher Zukunft zwar nicht knapp. Doch es mehren sich die Hinweise darauf, daß die kommende Saison 2006/2007 (August bis Juli) nach dem laufenden Wirtschaftsjahr ein weiteres, diesmal aber beachtliches Produktionsdefizit hervorbringt.

In diesem Fall könnte der Weltvorrat spürbar sinken und ein zu niedriges Niveau erreichen. Besonders gilt dies für hochwertige Ware, die vor allem in Amerika erzeugt wird.

Kaum kostendeckendes Arbeiten möglich

Baumwolle ist, wenn man die in New York herrschenden Preise betrachtet, im historischen Vergleich zwar nicht sehr billig, doch gab es Zeiten, in denen die Notierungen um etwa das Doppelte über dem gegenwärtigen Niveau lagen.

Als schlagendes Argument führen jene, die deutlich höhere Preise voraussagen, an, daß qualitativ hochwertige Baumwolle nur unter einem großen Aufwand, der von Dünger und Pflanzenschutzmitteln über Treibstoffe bis hin zu Wasser reicht, erzeugt werden kann.

Diese Produktionsmittel haben sich wegen des hohen Ölpreises stark verteuert, so daß die Produzenten ihre Kosten zu den gegenwärtig herrschenden Preisen kaum noch und teils überhaupt nicht mehr decken können. Der Anreiz zu möglichst hoher Erzeugung schwindet daher ebenso wie der Anreiz, hochwertige Ware zu produzieren.

Hinzu kommt, daß der für die Baumwollerzeugung erforderliche Aufwand zu Teilen in hohem Maße nicht nur die Umwelt, sondern auch das Produkt mit Stoffen belastet, die die Erzeuger und die Endverbraucher von Textilien und Bekleidung schädigen können.

Ölpreis läßt synthetische Fasern teurer werden

Es gibt Beispiele aus sich wirtschaftlich erst entwickelnden Ländern und Schwellenländern wie Indien, die die Schädlichkeit der Baumwollproduktion, wie sie heute dort praktiziert wird, drastisch darstellen.

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der Druck auf die Regierungen dieser Länder, die gefährlichen Methoden der Baumwollerzeugung abzustellen, so stark wird, daß die Produktion teuer genug wird, um über ein sinkendes Angebot höhere Preise zu erzwingen.

Welche Dimensionen dieses Thema erlangen könnte, wird daran deutlich, daß Indien der drittgrößte Baumwollproduzent der Welt ist.

Der hohe Ölpreis liefert ein weiteres Argument für steigende Baumwollpreise. Rohöl ist der Grundstoff für synthetische Fasern, die in weiten Bereichen mit der Naturfaser konkurrieren. Mit der Hausse am Ölmarkt hat sich die Herstellung der synthetischen Ware so verteuert, daß sie in Zukunft Marktanteile an die Baumwolle wird abgeben müssen.

Diesen Effekt spüren die Märkte nach Darstellung von Fachleuten bisher nur deshalb nicht voll, weil es aller Erfahrung nach mindestens zwei Jahre dauert, bis die Spinnereien die maschinelle Verarbeitung von synthetischen Fasern auf Baumwolle umgestellt haben.

In den nächsten 12 bis 18 Monaten könnte sich daher die Nachfrage nach der Naturfaser spürbar erhöhen, vorausgesetzt, ihr Preis würde nicht deutlich steigen.

China der führende Produzent…

Die Baumwollpflanze ist, von der Verwendung ihrer Frucht her betrachtet, ein Zwitter. Zum einen liefert sie die Faser, zum anderen aber auch Baumwollsaatöl. Es ist ein hochwertiges pflanzliches Öl, das aber auf der gesamten Palette dieser Öle eher eine untergeordnete Rolle spielt.

Dies gilt auch für die Kalkulation der Erzeuger, denn keiner von ihnen würde Baumwolle allein deshalb anbauen, um die Ölfrucht zu produzieren.

Baumwolle wird international sowohl in Tonnen als auch in Ballen gehandelt. Ein Ballen enthält nach der bevorzugten amerikanischen Maßeinheit 480 Pound von je 453,59 Gramm.

Das Landwirtschaftsministerium in Washington (USDA) hat die Weltproduktion 2005/2006 zuletzt auf 112,36 Millionen Ballen geschätzt. In der vergangenen Saison wurde damit ein Rekord von 120,38 Millionen Tonnen erzeugt. 2004/2005 lag der Ertrag noch bei 95,26 Millionen Ballen.

Führender Produzent ist in der laufenden Saison China mit 24,5 Millionen Ballen, gefolgt von den Vereinigten Staaten von Amerika (23,72 Millionen Ballen), Indien (18,6 Millionen Ballen) und Pakistan (9,75 Millionen Ballen). In der Europäischen Union (EU) werden nach Angaben des USDA 2,4 Millionen Ballen erzeugt.

Baumwolle: der Rohstoff-Hit 2006?

Auf der Verbrauchsseite liegt China mit 43 Millionen Ballen weit vorn. Mit 16,5 Millionen Ballen ist das Land auch der bedeutendste Importeur. Das Bild relativiert sich, wenn man bedenkt, daß China einen großen Teil seines Baumwollverbrauchs in Form von Textilien und Bekleidung wieder exportiert.

Dies ist Gegenstand eines Dauerstreits mit der Regierung in Washington, aber auch mit der EU, weil China mit seinem Angebot an Baumwollprodukten die heimische Textilwirtschaft in beiden Regionen wettbewerbsunfähig werden läßt.

Beim Baumwollverbrauch liegt Indien mit 17 Millionen Ballen an zweiter Stelle, gefolgt von Pakistan (11,75 Millionen Ballen), der Türkei (7,05 Millionen Ballen), Amerika (6 Millionen Ballen) und Brasilien (4 Millionen Ballen).

In der EU dürften 2005/2006 nach Erkenntnissen des USDA 2,67 Millionen Ballen importiert und 3,09 Millionen Ballen verbraucht werden.

Amerika und Brasilien streiten vor der WTO

Neben dem Streit um die sehr hohen und sehr billigen chinesischen Textilexporte prägen auch Auseinandersetzungen zwischen Brasilien und Amerika das Bild des Baumwollmarktes. Sie werden im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) ausgetragen.

Gegenstand sind die von der Regierung in Washington gewährten Subventionen für die amerikanischen Baumwollerzeuger, die indirekt auch den Export fördern.

Sollte Amerika gezwungen werden können, die Subventionen zu verringern, ließe dies das Angebot an der auf der ganzen Welt gefragten hochwertigen Ware sinken, es sei denn, der Preis für die Faser würde so weit anziehen, daß die amerikanischen Farmer Baumwolle unter weitgehend marktwirtschaftlichen Bedingungen erzeugen könnten.

Source: FAZ.net vom 2006-02-02.

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