1 Juni 1999

Automobilindustrie setzt auf Hanf aus Deutschland

Europas modernste Hanffaserfabrik startet am 1. Juni in Sachsen-Anhalt

Große Hoffnungen machte man sich in den 80er Jahren, was den Einsatz von Flachsfasern in der Automobilindustrie anging. Aber der Durchbruch wollte trotz beachtlicher Fördermittel nicht gelingen.
Manche Entwicklungen brauchen halt ihre Zeit: In diesem Jahr erwartet das nova-Institut, Hürth, dass in der deutschen Automobilindustrie etwa 10.000 t Naturfasern (ohne Holz- und Recyclingfasern) zum Einsatz kommen werden – ein deutlicher Anstieg gegenüber 4.000 t im Jahr 1996. Wichtigste Faserpflanze ist der Flachs, gefolgt vom Neuling Hanf, der die größten Zuwachsraten zeigt. Sisal und insbesondere Jute verlieren dagegen Marktanteile. Eine Steigerung des Naturfasereinsatzes auf 20.000 bis 30.000 t in den nächsten Jahren erscheint durchaus realistisch.
Flachs – und Hanffasern ersetzen im Automobil vor allem Holz- und Recyclingfasern sowie Glasfasern. Typische Einsatzgebiete: Türinnenverkleidungen und Kofferraumabdeckungen. Mit Flachs- und Hanffasern lassen sich komplexe und hochstabile Formpressteile darstellen, die Bauteile sind emissionsarm und haben zudem ein geringeres Gwicht als bisherige Konstruktionen. Gegenüber Glasfasern kommen zudem Kostenvorteile zum Tragen. Einige Kilogramm Flachs- und Hanffasern finden sich heute in den neueren Serienmodellen der Firmen DaimlerChrysler, BMW, Ford, Opel, Audi und VW.
Besonders dynamisch entwickelt sich derzeit der Einsatz von Hanffasern, die erst seit 1996 wieder in Deutschland gewonnen werden dürfen. Von ca. 500 bis 1.000 t im Jahr 1998 soll der Absatz im Automobilbereich dieses Jahr auf 2.000 bis 3.000 t steigen. Während Flachsfasern nahezu ausschließlich importiert werden, stammen die Hanffasern aus deutschem Anbau.
Im Rahmen des EU-Projektes “MarktInnovation Hanf” unter Leitung des nova-Instituts kamen am 26. und 27. Mai 80 führende Unternehmen aus der Faser- und Automobilwirtschaft ins Wolfsburger Rathaus, um das Thema “Verbundwerkstoffe mit Hanffasern” zu diskutieren, darunter VW, BMW, Findlay Industries, Johnson Controls Interiors, Sommer Allibert-Lignotock, Funder Industries, Polyvlies und Procotex – um nur die wichtigsten zu nennen.
Als Gründe für das wachsende industrielle Interesse am Hanf wurden genannt: Hanffasern zeigen sehr gute mechanische Eigenschaften und sind inzwischen in ausreichender Menge sowie guten Qualitäten am Markt verfügbar. Die Preise sind mit 0,90 bis 1 DM/kg konkurrenzfähig und können über eine Modellserie garantiert werden. Im Gegensatz zum Flachsbereich, wo technische Fasern nur ein Nebenprodukt der textilen Wertschöpfung sind, ist die deutsche Hanfindustrie ausschließlich auf technische Anwendungen ausgerichtet. Dies sehen die Automobilzulieferer mit großem Interesse. Die Produzenten der Hanffasern suchen eine enge Kooperation mit den Automobilzulieferern, um die Faserqualitäten an deren technischen Anforderungen optimal anzupassen. Die Zulieferer können so neue, attraktive Verbundwerkstoffe realisieren.
Gerade rechtzeitig zur steigenden Nachfrage nimmt die modernste Faseraufschlussanlage für Hanf in Europa am 1. Juni in Gardelegen (Sachsen-Anhalt) ihren Betrieb auf. Die Firma VER-NA-RO GmbH hat 8 Mio. DM investiert und will das verfügbare Qualitätsniveau weiter heben und neue Märkte erschließen.

Pressemitteilung des nova-Instituts, Autor: Michael Karus (nova).
Der Text kann gerne als kurzer Artikel komplett oder in Teilen übernommen werden.

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