1 April 2005

Alternative Energien: Von Öltüftlern und Energiemissionaren

Der Anfang der Schweizer "Kompogas"

Alles fing mit einer Explosion auf dem Balkon an. Hühnermist, Klärschlamm und Küchenabfall klebten an der Hauswand. «Es gab eine Riesensauerei, aber ich war glücklich», erinnert sich Walter Schmid.

Das war Ende der 80er Jahre. Wochenlang hatte er damals Müllcontainer durchwühlt, verschiedene Mischungen organischer Abfälle gären lassen und stinkende Brühe angesetzt. Der faulige Geruch kroch in die Kleider, die Haare und unter die Haut – und zog die ganze Familie in Mitleidenschaft. Warum konnte er nicht einfach seinem Beruf als Bauunternehmer nachgehen? Auch Freunde und Bekannte schüttelten nur mehr mitleidig den Kopf: «Du spinnst». Doch Walter Schmid liess sich durch nichts beirren: «Die Versuche zeigten mir, dass ich auf dem richtigen Weg war: In der Biomasse steckt Power.»

Er sollte recht behalten: Bereits 1991 nahm die erste so genannte Kompogasanlage im zürcherischen Rümlang den Betrieb auf. Und heute sind es weltweit 50 Reaktoren – in der Schweiz, in Österreich, Deutschland, Spanien, Japan und sogar in der Karibik. «Viele Gemeinden, McDonalds und Migros liefern heute ihre Bioabfälle an uns.» Aus jeder Tonne Grünabfall entsteht 80 Kubikmeter Kompogas. Als Treibstoff entspricht dies 70 Liter Normalbenzin. Man hat ausgerechnet, dass zehn Prozent der Schweizer PWs mit den organischen Abfällen fahren könnten, der in unserem Land insgesamt anfallen.

Das alles erzählt Walter Schmid, während er mit raumgreifendem Schritt die Besucherin durch sein Informationszentrum in Otelfingen führt und seine Anlage erklärt: Mikroorganismen wandeln unter Sauerstoffausschluss die Biomasse zu Kompost und Gas um. Der Gärvorgang im Reaktor läuft bei 55 bis 60 Grad Celsius ab und dauert 15 bis 20 Tage.

Auch die Atmosphäre ausserhalb des Reaktors scheint in weich-wollige, feucht-stinkende Watte gehüllt zu sein. Derweil referiert Walter Schmid beharrlich über das Potenzial, das in Umwelttechnologien steckt: «Mit dem Export von Zahnrädli kann die Schweiz längst nicht mehr brillieren, aber mit Umwelttechnik könnte sie es. Doch es brauchte weniger Bremsklötze gegenüber Neuem.» Und weiter geht es in ein Treibhaus, dem Kernstück des Infoparks: Hier wird der Nährstoff-Kreislauf mit Fischen in einer grossen Teichanlage, mit Hühnern, Ziegen, Melonen, Tomaten und Salaten aller Art eindrücklich veranschaulicht.

Ja, «Erfolg ist machbar» und Walter Schmid ist zweifelsohne ein Macher. Immer in Bewegung, nett, energiegeladen und ehrgeizig. Es gab natürlich auch Rückschläge und Enttäuschungen. Derzeit hilft ihm allerdings der hohe Ölpreis: «Die Nachfrage nach Autos, die mit Biogas angetrieben werden, ist um 20 bis 30 Prozent gestiegen.» Rund 92 Rappen kostet jene Menge Gas, die einem Liter Benzin entspricht. «Warum also nicht mit Abfall fahren?» Sagt’s und fährt davon im mondänen Gas-Mercedes.

Source: Die Selezione fom 2005-03-27.

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